Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1850)
- Date
- 1850-10-07
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
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§78 träumte, ein glücklicherweise nur erträumtes Eldorado. Die Familie verarmte durch Unglücksfälle immer mehr, so daß selbst der Kleine zu ihrer Ernährung beitragen und nach den umliegenden Dörfern Fleisch zum Verkauf wegbringen mußte, wobei er, noch so ganz Kind, sich oft den nächsten Weg durch kleine Stäbchen bezeichnete, die bei der Rückkehr natürlich verschwunden waren; der Vater starb, die Mutter folgte ihm bald nach, und unser Haindorf kam zu seinen Großeltern mütterlicher Seits, S e: ligmann, nach Hamm. Das waren brave und reicht Leute, nur die Großmutter eine harte Frau, und der fremde Knabe mußte hinter den reichen Erben des Hauses sehr zurückstehen, von denen er dabei viel, viel zv leiden hatte. Er mußte seine Kost verdienen, also anfangen zu handeln, und den schweren Packen und auf der Straße die für den empfindsamen Jüngling noch schwereren Unbilde des christlichen Pöbels tragen. Indessen, ein Talent läßt sich nicht unterdrücken; strebsam, voller Phantasie und Wissensdurst nahm Haindorf, mit spärlichen Elementarkenntnissen ausgestattet, zuerst weitern Unterricht bei einem Regimentsschulmeister, der sich dafür alles Ersparte und, was er nur irgend erschwingen konnte, geben ließ, dann ertheilte ihm der Konrektor Stunden, um ihn für das Gymnasium vorzubereiten. Alles das mußte in den wenigen Freistunden geschehen; heimlich, des Nachts im Bette, oder bei Tage in den entlegensten Winkeln des Hauses las er die deutschen Bücher, was bei den Juden noch als religionsgefahrtich' verpönt war, oder draußen auf dem Felde, wenn er eiir Stück Vieh vom Dorfe holen mußte, ja, sogar unter der» tief über den Kopf gezogenen Gebetmantel studirte ec eifrkgst die lateinische Grammatik, so daß die Andere» meinten, er bete so brünstig. Um seine Stunden und seine Pensa nicht zu versäumen, ging er oft des Nachls hin und zurück nach Elberfeld, wo er einen Sack voll Münzen -umwechseln mußte, woran die Vettern viel verdienten. Noch dunkel schwebt ihm die Erinnerung vor^ wie er einmal, sinnend am Rande des schlüpfrigen, schlechten Fußpfades hergehend, plötzlich bei finstrer Nacht mktsammt den Münzen in den tiefen, mit Wasser angefüllten Graben fiel, woraus er sich nur mit genauer Noth wieder rettete, mehr besorgt um den Verlust des Geldes, als um sich selbst. Und doch waren all diese unsäglichen Mühen, von denen wir kaum noch eine Vorstellung hüben, fast vergeblich gewesen, als man ihn einst in einer großen Federntonne in „Kamptz', der gestirnte Himmel lesend fand und nun unbarmherzig verstoßen wollte, weil er ein Abtrünniger in Israel sei und sich taufen lassen wolle, wenn ihn nicht ein Zufall und dessen kluge Benutzung gerettet hätte. Der jüdische Schächter in Hamm nämlich hatte gerade das Vertrauen der Gemeinde verloren, und in dieser Verlegenheit erbot sich Haindorf, die Schachtregeln zu erlernen und den Posten auszufüllen. Er ging allwöchentlich mehre Male zu einem benachbarten Schochet, und erlangte auch bald von dem Rabbi Lehmann in Lünen die erforderliche Autorisation (Kabbala). Unter dieser Bedingung wurde ihm der Besuch des Gymnasiums erlaubt. Das Schlachtmesser des Gymnasiasten mußte Bürge sein für die Treue dessen, der sich nachher so glänzend bewährt hat in dem Glauben der Väter und für seine Bekenner. Nicht lange nachher indeß besserte sich die Lage des neuen Jüngers der Wissenschaften. Der Obervorsteher der Grafschaft Mark, Amschel in Hamm, war ein reicher und für seine Zeit sehr gebildeter Mann, von durchdringendem Verstände, voll schlagenden Witzes. Einst hatte er die jüdischen Vorsteher auf einem der damals üblichen jüdischen Landtage um sich versammelt und zu einem Mahle vereinigt; plötzlich wirst er, der ohnehin nicht im besondern Gerüche der Frömmigkeit stand, die Kerze in die Suppe. Sogleich streckten die Gäste das Gewehr, weil das Essen nun für trepha (verboten) galt, bis er sie lachend überzeugte, daß es ein Wachs- und und kein Talglicht war. Wir bemerken dies, um namentlich den Jüngeren eine Andeutung zu geben, wie das religiöse Leben der damaligen Juden beschaffen war, und wie schwierig daher die Stellung Haindorfs, der sich den Studien widmen wollte, die, wie man auch immer befürchtete, zu einer steiern Lebensanschauung führten. Der Obervorsteher, der auch eine hübsche Kunstsammlung besaß, woher sich wot Haindorfs großer Kunstsinn datiren mag, wurde aufmerksam auf den jungen Mann, nahm ihn in sein Haus, gab ihm Kost und ein eignes Zimmer und spater sogar wöchentlich einen Kronenthaler Taschengeld, wofür manches nützliche Buch gekauft wurde. Dafür mußte-aber Haindorf dem alten Amschel die schlaflosen Nachte durch Vortesen vertreiben, und dieser gewann ihn so lieb, daß er ihm auch, als er nach absotvirtem Gymnasium, im Jahre 1805 die Universität bezog, jährlich 250 Thaler zur Fortsetzung seiner Laufbahn gab, ja er hatte für ihn auch viele seiner Kunstschätze bestimmt. Allein Amschel starb kurz darauf, während er abwesend war, und so wurden ihm nicht allein die Letzteren, sondern auch die Ersteren, die nöthigen Hilfsmittel 41 *