Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1850)
- Date
- 1850-10-07
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
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570 allerdings der Doppeltrieb im Menschenherzen: einerseits Alles auf sich zu beziehen, überall seinen Vorcheil, seinen Gewinn, seine Befriedigung zu Grunde und Zweck zu haben, und dann wieder der Trieb, sich selbst einem Höhern, einem Ganzen hinzugeben, sich nur als das Glied eines großen Ganzen anzusehen, und zu desien Bestände sich, seinen Gewinn, seinen Vorrheil zu opfern. Beide Triebe gerechtfertigt, beide vorhanden, und nun in ewigem Widerstreit! Und unter diesem allgemeinen Kampf im Menschenbusen all der Hader der Neigungen, zur Wahrheit und doch auch zur Lüge, zum Recht und doch auch zum Unrecht, zur Liebe und doch auch zum Hasse, zur Barmherzigkeit und doch auch zum Geize, zum Frieden und doch auch zum Zank, zur Thatigkeit und doch auch zur Ruhe — wer zahlet all das auf! Solch einen Knäuel von widersprechenden Neigungen herbergt das Menschenherz. Und unter allen diesen wo wäre selbst die an sich beste Neigung, die nicht auch zum Uebeln neigen könntet Habt Ihr die Liebe der Eltern, diese reinste, edelste Neigung, nicht schon im Uebermaß Seele und Leib ihrer Kinder verderben sehen? Kann die Neigung zum strengen Recht nicht hartherzig, kann die zur Barmherzigkeit nicht verschwenderisch werden? Kann die zum Frieden nicht zum Feigling machen? Kann die zur Thätigkeit nicht den Menschen zerstören? Ja, giebt es hinwiederum nicht auch Neigungen, die an sich böse, in gewissem Maße gehalten, zum Guten sind? Wenn der Stolz an sich verwerflich, gehört er nicht doch in bestimmtem Maße zum Wesen des Mannes, um ihn vor Niedrigem zu wahren? Und muß nicht selbst Kampfeslust im Manne sein, um dem Bösen draußen sich zu widersetzen? — Wir sehen, überall vom Guten zum Bösen ein kleiner Schritt; und auf jedem Schritte ein Fehltritt möglich; und in jedem Fehltritt die Ursache zu weiterem und immer weiterem. So stehet der Mensch stets auf einer dünnen Rinde, die ihn vorm Falle tragt, und auf dieser dünnen Rinde soll er den großen Streit und Widerstreit seiner Neigungen und Gedanken auskämpfen! — Aber, wie zum Selbstherrn, so hat der Schöpfer den Menschen auch zum Selbstrichter eingesetzt. Was Du gethan hast, groß oder klein, sobald Du es gethan, da wird es in Dir laut: was hast Du gethan? Oft vernehmbar, gewaltig pocht es an die Wände Deines Herzens, oft schweigend, aber Du fühlst es, denn Behaglichkeit oder Unbehaglichkeit, Schwung oder Druck breitet sich durch Dein Herz; oft augenblicklich, oft nach. längerer Zeit, wenn es wie Nebel vor Deinen Augen geschwunden. Entziehen kann sich dem Keiner. Und dennoch auch hier Streit und Widerstreit im eignen Innern. Die Schrift sagt es Dir selbst, ura b3 TWa *)T „alle Wege des Mannes sind rein in seinen Augen", sagt sie einmal (Spr. 16, 2.), und ein andermal (26, 9.): Tiaarna ‘’n^irrü 13b ■’rrST ^72*0 'ft „wer will sprechen: ich habe mein Herz rein erhalten, ich bin rein von meiner Schuld?" Und doch darin kein Widerspruch, sondern nur der Ausspruch der verschiedenen Stimmen im Menschenherzen. Was auch der Mensch gethan, er wird immer eine Entschuldigung, eine Rechtfertigung seines Thuns suchen und finden. Zuerst wird er behaupten: ich habe recht gethan; und muß er sein Unrecht eingestehen, so wird er die Ursachen und Motive auf die Umstande schieben, und soll er selbst auf die Gräber seiner Eltern einen Stein werfen, sie haben mich so erzogen, und soll er selbst den Fügungen Gottes zuschreiben, was seine Hand vollführte, er will sich rein sprechen von feiner Schuld. Und warum doch so unruhig im Herzen? und warum doch so unzufrieden mit sich selbst? und immer lauter schwillt die Stimme der Anklage in ihm an — er horcht, ob Andere sie vernehmen — daß er vor Anderen verberge, was er sich selbst nicht mehr verbergen kann! —Also auch hier der Streit im eigenen Innern: jene Eigenliebe, vor deren Auge rein sind alle Wege des Mannes, und die mit unendlicher Zähigkeit sich vor sich selbst und vor Anderen vertheidigt, und jene Stimme der Wahrheit, die Dir zuruft: du bist nicht rein von deiner Schuld, dein Herz nicht lauter! Wenn wir aber Selbst Herren sind, wenn wir unser Thun und Lassen selbst bestimmen sollen, so kommt Alles auf unfern Willen an, aus dem die That erwächst. Also an der Wurzel müssen wir es angreifen. Unfern Willen müssen wir immerfort läutern und regeln. Als das letzte der Zehnworte ruft Dir die Schrift zu: Du sollst keine böse Begierde hegen in deinem Herzen! Suchen wir also vor Allem einen guten, bleibend guten und edeln Willen in uns zu schaffen, und dann diesem Willen die Kraft, alle anderen Neigungen zu beherrschen, zu verschaffen, und dann bei jeder einzelnen That unfern Witten zu untersuchen, ob er auch gut und edel ist, ob sich nicht bewußt oder unvermerkt eine niedere, unedle, schlechte Neigung und Absicht hineingedrängt hat — und wir haben unfern Streit gelöst, ja, erhebt ec sich auch immer wieder von Neuem in uns, so haben wir doch dessen Lösung immer wieder gesichert. Und fürwahr!