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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-09-30 · Heft 40 (30.9.1850) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 40 (30.9.1850)
Date
1850-09-30
Page
Seite 562 (sequence 14)
Language
German
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562 leben — zum Gegenstände des Spottes und der kalten Berechnung machen? Gehen Sie, Herr Stadtpfarrer Ruland, gehen Sie zu den Wilden in Afrika, die ohne Zivilisation und von einer Pflicht der Menschenliebe noch nie eine Silbe gehört haben, gehen Sie und machen Sie dort einem Stamme gegen einen feindlichen Stamm einen solchen Vorschlag; ob er nicht mit Abscheu ihn von sich weist? Und einen solchen Vorschlag können Menschen machen im zivilistrten Deutschland, im neunzehnten Jahrhunderte. Würden Sie fühlen, was ein menschliches Herz fühlen soll, Ihre Hand wäre Ihnen erstarrt, ehe Sie solche Worte niedergeschrieben^ Sie hätten sich lieber die Zunge mit den eigenen Zähnen abgebissen, als einen solchen Antrag über Ihre Lippen zu lassen. Ach, Sie bereifen es nicht, welche Grausamkeit, welche Unmenschlichkeit in Ihrem Anträge liegt, der das heiligste Gefühl verletzt, und in den Koth herabzieht. Oder denken Sie denn, daß die Juden einem solchen Gesetze sich unterwerfen würden? daß sie nicht lieber allesammt den Wanderstab ergreifen? „Das mögen Sie thun!" höre ich Sie rufen, „wir wünschen das ja." Das wissen wir, und darum bemitleiden wir Sie, denn ein Herz, in dem nur ein Funke von Menschenliebe glimmt, kann nur mit Schmerz daran denken, Familien aus ihrer Heimath zu vertreiben von dem Boden, darauf ihre Wiege stand, und wo die Asche ihrer Väter ruht. Ach, wer i einen solchen Wunsch hegen kann, wie wir ihn bei Ihnen voraussetzen müssen, wer für die Thranen und gebrochenen Herzen seiner Mitmenschen kein Mitgefühl hat, dessen Herz weiß Nichts von Liebe, sondern ist ein ausgebrannter Vulkan, gleicht einer von giftigen Saume ausgetrockneter Oede und — ist wahrhaftig bemitleidenswert?)." Im „Nachtrage" stellte der Verf. einige Stellen christlicher Autoren über den Talmud zusammen. Ausführlicher behandelt der Verf. seinen Gegenstand in dem Schriftchen No. I (50 S.), das er Nachfolgen ließ, als die stenographischen Berichte erschienen waren. Er beginnt mit folgenden energischen Worten: „Als ich den offenen Brief schrieb, waren mir die stenographischen Berichte noch nicht zugekommen. Ich kannte den Inhalt der Reden nur aus den Auszügen in den Zeitungen, die übrigens hinreichend waren, mein Urtheil zu bestimmen, das im offenen Briefe niedergelegt, von allen Aufgeklärten, Gebildeten und Wahrheitsliebenden auch als wahr und richtig anerkannt wurde. Nun habe ich auch die stenographischen Berichte vor mir und ich muß gestehen, ich bin trotz der Auszüge überrascht. Daß Herr Ruland eine gänzliche Unwissenheit im Gebiete der jüdischen Theologie und des Talmuds an den Tag legt wundert mich nicht — ich kenne Ruland von früher. Daß Herr Sepp unvernünftiges Zeug sprach und mit offenkundigen Unwahrheiten seine Rede anfüllte, war mir nicht überraschend: wann hat Herr Sepp denn, in Frankfurt oder in München anders gesprochen? Daß Herr Döllinger Worte sprach, die honigsüß lauteten, aber wie Dolche und zweischneidige Schwerter verwunden sollten, war mir nichts Neues, denn wer Herrn Döllinger gesehen hat, weiß woran er ist. Daß aber ein Mann, wie Herr Allioli, ein Professor der Exegese, mit einigem Rufe als Orientalist und Bibetübersetzer, so wenig von der jüdischen Theologie und Religion wisse, daß ein Mann, der durch Wissenschaftlichkeit sich auszeichnen will, so schwer gegen die Wahrheitsliebe und ehrliche Gelehrsamkeit sich verfehlen konnte: das, ich gestehe es, hat mich überrascht, und schmerzlich überrascht. Allein das ist der Fluch des Hasses, daß er auch von dem Pfade der Wahrheit ableitet*), das der Fluch der Sünde, daß die Süttde immer neue Sünde gebiert. Jetzt, Herr Professor! handelt es sich für mich weniger um die Frage: sollen die Juden emanzipirt werden oder nicht? Diese Frage, ich gestehe es, ist für mich eine sekundäre geworden, die Frage prima loco ist für mich: ist das Juden- I thum würdig und sind die Juden werth emanzipirt zu werden oder nicht? Die Emanzipation selbst hat für das Individuum zwar einen außerordentlichen, aber doch nur einen zeitlichen Werth, die Würdigkeit aber ist von weit höherer Wichtigkeit und von noch höherer die Würdigkeit der Religion. Ich gehöre mit ganzer Seele meiner Religion an, nicht weil es meine Religion ist, sondern weil es eine Religion ist, in der ich die höchsten und wichtigsten Fragen des forschenden Geistes vernünftig wahr und sittlich rein beantwortet finde, weil sie meinem Herzen jene Beruhigung gewährt, die der Mensch in der Religion sucht, weil in der, wol etwas rauhen und unansehnlichen, aber auch veränderlichen Schale, der Kern der hohen ewigen Wahrheit und heiligsten Sittengebote, deren Befolgung himmlischen Frieden und himmlische Glückseligkeit für alle Welt zur Folge haben würden, eingeschlossen ist. Ich würde, wenn Ihre Vorwürfe wahr und gegründet wären, in der vordersten Reihe deren stehen, die das Judenthum bekam- *) Sina mckalkcl et haschura, der Haß verdirbt die Gradheit. (Talmud.)

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