Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-09-30 · Heft 40 (30.9.1850) · p. Seite 560

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 40 (30.9.1850)
Date
1850-09-30
Page
Seite 560 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225660-3225701--11295-3241395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

560 nunft ist bie Trägerin solchen Gefühls, wie denn Vernunft und Gefühl in keinerlei schwesterlicher Verbindung stehen. Lediglich die an den Mutterbrüsten der Religion erhaltene Erziehung, die an der heilig-heißen Lava des begeisternden Glaubens eingesogene Gemüthswärme sind es, die uns Gottlob! jenen Abscheu einflößen und unsere Phantasie stürmisch aufregen, wenn dergleichen Ideen und Projekte vor ihr vorbeidesiliren. Der Eigenthumsbegriff mit allen daraus resuttirenden Erfüllungs- und Unterlaffungspflichten kann vernunftgemäß aufgehoben werden, wenn Viele sich dahin verständigen würden, Alles gemeinschaftlich zu bearbeiten, zu besitzen und zu genießen. Wie viel Unheil würde einestheils gerade dadurch beseitigt, wie viel Unglück verhütet werden, — wenn des Menschen Bestimmung eben nur die Pflege des thierischen Leibes und nicht die Veredlung seines edlern Geistes durch die Religion, durch den über Sinnenreiz und animalischen Genuß das Zepter führen sollenden Glauben wäre. „Der Glaube macht selig!" ein großes Wort von umfassendster Bedeutung. Nicht daß wir uns des Lichts der Vernunft zur Beleuchtung unsers Thuns etwa nicht bedienen dürfen. Aber der Glaube an einen Gott, das tief wurzelnde Bewußtsein von einem das All gezeugten, erhaltenden und leitenden Urwesen — das die Welt nicht nach Willkür und Laune beherrscht, sondern nach ewigen unveränderlichen Gesetzen, denen es selbst unterworfen ist, regiert — dieses Bewußtsein muß sich gleich einem goldenen Faden über alle Spulen und Haspeln des Lebens ziehen und uns in stumme Anbetung versinken lassen, sobald unsere Vernunft nicht mehr hinreicht, die Rathset zu lösen, die sich so oft unserm Auge öarstellen, die Knäuel zu entwirren, die sich so mannigfach aus den uns treffenden Ereignissen und Begebenheiten gestalten. Wir, m. F., die wir die Jugend auf der Bahn der Tugend und der Gottesfurcht, zu leiten haben, wollen es uns zur Aufgabe machen, in Lehre und Leben, in allen Unterrichtsgegenstanden und Erziehungsfachern, bei allen freudigen Anlässen, bei allen traurigen Begebenheiten und Staunen erregenden physischen wie historischen und intellektuellen Erscheinungen auf den Urheber hinzuweisen, der aus oft geringfügigen, unscheinbaren Merkmalen, welterschütternde Epochen entwickelt und mit unsichtbarer Hand den unsichtbaren, dünnen Faden halt, der die unendliche Kette von Ursachen und Wirkungen zusammenhält. „Der Glaube macht selig!" Nicht daß diese die Glückseligkeit des Menschen aussprechende Sentenz erst dem fruchtbaren Boden des Evangeliums entsprossen wäre. Schon der alte Habakuk ruft: „Der Gerechte lebt in feinem Glauben!" Verstehen wir unter „Leben" nicht ein bloßes pflanzliches oder animalisches Vegetiren, sondern eine mit Bewußtsein und eigner Willenskraft, mit geistiger Elastizität und Spannkraft verbundene Fortdauer: so drückt jener prophetische Satz nichts Anderes aus, als daß der Gerechte d. i. der Mensch als Solcher nur mittelst des Glaubens an eine Gottheit selig sei. In den mannigfachsten Schicksalen, die ihn treffen, in den lichtvollen wie lichtlosen und düsteren, ist Gott sein Leitstern, der ihn durch die Stürme und Wogen des Lebens sicher führt. Verschwören sich alle Geschickesmachte wider ihn, hat er Kämpfe mit drückenden Geistesplagen oder mit materiellen Nothständen: in Gott erblickt er den erziehenden Vater, den weisen Lehrer, der ihn durch Gluthitze und lichte Flammen sicher leitet und einem fchönern Ziele näher bringt, während eine über das Dasein oder Nichtdasein Gottes anzustellende Spekulation ihn der Verzweiflung in die Arme werfen würde. Lächelt dem Menschen aber auch Fortuna mit den freundlichsten Blicken, überhäuft sie ihn mit des Glückes Fülle, mit Edens köstlichsten Erzeugnissen und des Paradieses goldenen Früchten: nur in Gott findet er den festen Ankerpunkt, auf dem sein Lebensschiff sicher ruhet und nicht den unsicheren Schwankungen und Orkanen preisgegeben ist, die da betäuben und gleich einem süßen Gisttrank in Todesschlaf lullen, während Grübeleien über die wirkliche Existenz dessen, der des Glückes Gaben Spender ist, Verdruß und Widerwille an deren Genüsse erzeugt. * Wir nun, m. Fr. — ich wiederhole es — die wir uns die Erziehung des Menschen in seiner Individualität und in seinem Verhältniß zur Gesellschaft, zum Staate, zum Lebensberufe wählten, die wir nun lehrend und erziehlich zu verfahren haben, um den Menschen seiner Bestimmung als Einzelwesen und als Glied in der Menschenkette immer naher zu bringen — wir haben bei allen Unterrichtszweigen, bei sämmtlichen Lehrfächern, bei allen Vorkommnissen, Ereignissen und Phantomen des Lebens auf Gott — als den Ursprung, Erhalter und Leiter des Alls durch uns unbekannte und häufig unbegreifliche Mittel und Wege hinzuweifen, und uns wohl zu hüten, den unserer Leitung Anvertrauten denjenigen erst spekulativ zu beweisen, an dessen Dasein sie mit kindlicher Naivität glauben und der ihnen schon auf Erden die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.