Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1850)
- Date
- 1850-09-30
- Page
- Seite 559 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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559 ten, mit ihren gigantischen Figuren, wird lediglich der freien Disposition des Kindes überwiesen. Gleichsam ein Kontrakt wird abgeschlossen zwischen der strafenden oder belohnenden Gottheit und dem jungen Menschen, und der Lehrer figurirt blos als Vermittler, als Werbeoffizier. Die einzuprägenden, auswendig zu lernenden und stets im Munde zu führenden Worte: „Ich glaube an Einen Gott rc." müssen ja wahrhaftig auch den Gedanken produziren: Enthalten diese Worte auch eine Wahrheit? Das Bekenntniß eines Gottes muß ja auch das Nichtdasein desselben als Gegensatz zulässig machen. — Man sage aber nicht, dieses Bekenntniß ertrage eine Untersuchung, die Spekulation müsse stets auf die innere Wahrheit desselben zurückführen. Wir haben oben gesehen und können täglich die Erfahrung machen, daß der Glaube an einen Gott ein sehr lockerer sei. Oder ist das ganze Treiben der Meisten, ja des größten Theils der jetzigen Generation, die ausgebreitete Herrschaft des Materialismus, die gleich einem Miasma um sich greifende Genuß- und Vergnügungssucht, die Vergötterung des Irdischen u. s. f. etwas Anderes als Unglaube, als Gottesleugnerei? Nicht der innere Gehalt einer Handlung, das Tugendsame derselben leitet bei deren Ausübung, nur der Vortheil, der Nutzen, den sie bringt. Egoismus ist der Tirann, der alle Schichten der Menschheit, die Paläste und Prunkgemächer der Großen wie die Hütten der Kleinen, die Studierstube der Koriphäen der Wissenschaft wie das dumpfe Zimmer des geistigen Proletariats, beherrscht. Vor diesem Tagesgötzen kniet Alles, groß und klein, jung und alt. Woher anders kommt aber dieser erbärmliche Zustand als von dem durch theologische Unterrichtskünstelei erregten Zweifel über die Existenz Gottes, des Urhebers der Welt und des väterlichen Leiters des Menschengeschlechts mittelst wohlmeinender, beglückender Verhaltungsregeln. Die heilige Geschichte beginnt, daß Gott die Welt erschaffen habe; nicht aber mit Beweisen über das Dasein oder Nichtdasein Gottes; die Ge- und Verbote werden als von einem positiven, über alle Zweifel erhabenen, absoluten Gesetzgeber emanirend proklamirt; aber die Religionslehrer dünken sich weiser denn die Religion, als die Quelle, woraus sie ihr Wissen, ihre Heilslehren schöpfen. Oder glaubt man, mittelst Vernunftschlüsse einen Gott mit den von ihm getroffenen Anordnungen zu demonstriren und dem Pantheismus d. i. dem Glauben, daß die Welt Gott und Gott die Welt sei, seine Stützen zu entziehen? Vernunftglaube allein ohne Basis von Gott ist ein Unsinn und eine Verirrung des menschlichen Geistes in ein Labirinth von unauflösbaren Täuschungen. Die heiligsten Institutionen des Staatsverbandes zerfallen, die zartesten Bande der menschlichen Gesellschaft lösen sich, wenn der Vernunftglaube allein der menschlichen Denk- und Handlungsweise zur Grundlage dienen soll. Mit kaltem Blute mordet der nicht zivilisirte Mensch seine Feinde, ohne von seiner Vernunft den leisesten Vorwurf gewärtigen zu müssen, und gehorchet seinem Kaziken nur instinktartig wie die Biene dem Weissel. Kindliche Ehrfurcht gegen Erzeuger ankert mehr in religiöser Pietät und Pflicht denn in Venunftreligion, weil der Begattungstrieb ein sinnlicher und thierischer ist und dieses oder jenes erzeugte Kind durchaus nicht während jenes Exerzitiums idealisch vorschwebte *); sonst hätte ein Lykurg es nicht über seine mit Vernunft begabten Spartaner vermocht, die schwächlich geborenen Kinder unmittelbar nach der Geburt zu tödten. Die Ehe, ein so heiliges, so sittliches, die Bande des Staates, der Gesellschaft sicherndes Institut sie ist — vor dem Forum der Vernunft allein erscheint sie keineswegs in dem Nimbus, mit welchem die Religion sie zu umgeben wußte. Wie, wenn zwei Männer unter sich und mit einem Weibe ein Uebereinkommen treffen, mit ihr gemeinschaftlich Kinder zu zeugen und gemeinschaftlich für deren Erziehung zu sorgen — läge solch' eine Unvernunft darin? Oder wenn gar ein spartanisches Gesetz Weibergemeinschaft, gleichmäßige Kindererziehung, keinen Vemögensunterschied gestattet rc., ist es etwa vernunftwidrig? Warum werden denn die verschiedenen hellenischen Gesetzgebungen unseren Jünglingen so sorgfältig eingeschult? Etwa um sie Unvernunft zu lehren? — Die Sittlichkeit anbelangend, diese würde in einem derartigen spartanischen Staate weit weniger Gefahren ausgesetzt sein, als in einer nach modernen Staatsbegriffcn konstituirten Gesellschaft, da der Mensch, seinen natürlichen, thierischen Neigungen überlassen, sich weniger gegen die Natur verfehlt als in einem ihn mit künstlichen Schranken umgebenden Zustande, und überhaupt alles Verbotene reizt. Unser inneres Gefühl mit allen seinen Fibern sträubt sich zwar wider solche verthierende Einrichtungen; es befallt uns eine gewisse Unbehaglichkeit bei der Vorstellung eines derartigen Organismus. Allein nicht unsere Ver- *) Vergl. Raschi zu Ps. 27, 10. und den Kommenmentar zu Mendelssohns Uebersetz. zu 3 B. M. 10, 3.