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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-09-23 · Heft 39 (23.9.1850) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 39 (23.9.1850)
Date
1850-09-23
Page
Seite 545 (sequence 9)
Language
German
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545 Bruder zürnet, wird des Gerichtes schuldig sein, und wer zu seinem Bruder spricht: Raka! wird des hohen Rathes schuldig sein; wer aber sagt: du Narr, wird des höllischen Feuers schuldig sein." — Aehnlich heißt es Trakt. Synhedrin fol. 58b: „Wer auch nur die Hand aufhebt gegen seinen Nebenmenschen, selbst ohne ihn zu schlagen, der heißt ein Bösewicht und ein Sünder und verdient gerichtliche Strafe." Und Trakt. Kid du sch in fol. 28 a: „Wer seinen Nebenmenschen Knecht schimpft, verdient den Bann; wer ihn Bastard schmäht, verdient die Geiselung, wer ihn Bösewicht (Raka) heißt, verdient Lebensstrafe." — Matthaus 5, 27. 28.: „Ihr habt gehört, daß es bei den Alten hieß: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer auch nur eine Frau ansieht mit sinnlicher Begierde zu ihr, der hat schon in seinem Herzen die Ehe mit ihr gebrochen." — Aehnlich heißt es Tr. Berachot fol. 61 a: „Wer eine Frau aus lüsterner Begierde betrachtet, verfällt der Hölle, und sei er auch ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit und sonstige gute Eigenschaften." — Matthäus 5, 37.: „Euere Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein! was aber darüber ist, das ist vom Bösen." Aehnlich heißt es Tr. Schebuot fol. 29 b: „Dein Ja sei ein Eid, dein Nein sei ein Eid." — Matthäus 5, 39. heißt es: „Ihr habt gehört, daß es hieß: Liebe deinen Nächsten und hasse deinen Feind!" Dieser Satz findet sich aber nirgends so im ganzen alten Testamente. Vielmehr heißt es im 3. Buche Mose 19, 34.: „Liebe den Fremden, wie dich selber." 5. B. Mose 23, 8.: „Hasse nicht den Edo miten (Nichtisraelitenj; denn er ist dein Bruder; Haffe nicht den Egypter; denn Fremdling warst du in seinem Lande." Und in den Sprüchen Salomonis heißt es ausdrücklich (Kap. 25, 21. 22.): „Wenn deinen Feind hungert, so gieb ihm Brod zu effen; und dürstet ihn, so gieb ihm Wasser; denn Kohlen sammelst du auf sein Haupt und der Herr wird dir es bezahlen." Und im Talmud heißt es also (Abot des Rabbi Nathan Kap. 23): „Wer heißt der größte Held? Wer seine Leidenschaften der Art bezähmt, daß er auch seinen Feind liebt! Demnach ist Feindesliebe schon durch die Schrift und den Talmud gelehrt. Es dürste zu weit führen, sollten alle Parallelstellen der Bergpredigt im Talmud nachgewiesen werden, und es mag wol schon genügen, um einzusehen, daß das, was das Ehristenthum als das Höchste in der Moral anerkennt, auch dem Judenthume nie fremd gewesen sei; denn der eigentliche Schluß der Bergpredigt, der in wenigen Worten Alles umfaßt, nämlich Matthäus 7, 12.. „Alles nun, was ihr wollet, daß euch die- Leute thun sollen, das thuet ihnen auch; denn dieses if! das Gesetz und die Propheten— findet sich ebenfalls iinTalmud, Trakt. Sabbat fol. 31 b, wo es heißt: „Ei« Heide kam zum weisen Hillel (einem durch Demuth und Geduld ausgezeichneten Rabbi) und sprach ihn also eilt: Ich will Jude werden unter der Bedingung, daß dm mich das Gesetz lehrest, so lange ich aus Einein Fuß stehen kann. Und Hillel sagte: Was du nucht willst, daß man dir thue, das thue auch ksinem Andern; dies ist der Haupttext; alles lllebrige ist Kommentar."— Was nun das sogenvunte Himmelreich oder die ewige Seligkeit nac!) diesem irdischen Leben betrifft, so hat auch hier schm nächst der Bibel der Talmud dieselben Argumente für die Auferstehung der Tobten angeführt, die sich im Evangelium von Jesu ausgesprochen finden, bei Matthäus22, 31. 32.; bei Markus 12, 26. 27.; denn M Tr. Synhedrin (fol. 90 b) treten ebenfalls Sadduzäer vor einen Rabbi und stellen dieselben Fragen Wer die Auferstehung der Tobten und erhalten ähnliche Antworten, wie sie Jesus giebt. — Was aber den Ali Heil an der himmlischen Seligkeit angeht, so spritzt sich das Ju de nt hum also aus: „Die Frommen ltll er Völker haben Antheil am ewigen Leben»" (Trakt. Synhedrin fol. 102). Es schließt Niemand en, der Gott erkennt und Recht thut, von der Seligkeit aus, und der Satz: Extra ecclesiam nulla salus! fand bei ihm nie Eingang! Was nun aber die praktische Mor»L in Beziehung auf den Nebenmenschen betrifft, so stHe auch hier die Lehre des Judenthums frei von allckr Makel. Dem Judenthum gilt jeder Mensch vor Gott gleich, als Sohn Gottes, als Bruder auf Erden, und Sie größte Gewissenhaftigkeit wird von ihm seinen Bekennern gegen alte Menschen empfohlen. Denn außerdem, daß die Bibel ihre Moralgesetze nie ausschließlich den Juden für die Juden empfiehlt, sondern stets ^lkgemein gebietet: „Du sollst nicht lügen noch betrüge" (3. B. Mose 19, 11.); „Du sollst nicht falsch schworen" (das. V. 12.); „Du sollst km Handel und Wandsl nicht Unrecht thun, und in deinem Geschäfte gerechtes Maß und Gewicht haben" (das. V. 35. 36.), befiehlt ber Talmud ausdrücklich (Baba ktzmma fol. 113 a): In Rechtssachen hat der Jude sich durchaus den Staatsgesetze tt zu fügen; ferner (daselbst): „Jede Beraubung eines Nichtjuden ist 39*

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