Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1850)
- Date
- 1850-09-23
- Page
- Seite 544 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225660-3225700--11278-3241377- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
544 Mitte derer, die man zu allen Zeiten als die Träger der Wissenschaft von Gott und seinen Dingen betrachtete), von der Kanzel herabdonnerte, es gäbe eine fluch würwürdige Sprache, die griechische, vor der er die Gläubigen warne (und doch war das Evangelium in der griechischen Sprache verfaßt!), und eine andere Sprache, die hebräische, die habe der Teufel erfunden, und wer sie erlerne, der sei in den Höllenpfuhl verdammt (und doch ist sie die Sprache des alten Testaments!). Die Zeit ist vorüber und solche Ignoranz ist nicht mehr möglich. — Nur gegen den Talmud der Juden, der die Diskussionen über das geoffenbarte Gesetz und dessen Ausführung im Leben der Juden enthält, herrscht noch großentheils eine ähnliche Unkenntniß und darum großes Vorurtheil, das früher den christlichen Geistlichen und durch sie dem Volke unerschöpflichen Stoff bot, das Judenthum zu verdächtigen und ihm eine weder aus Bibel noch aus Talmud nachzuweisende schlechte Moral anzusinnen. — Die Bibel liegt nun aller Welt offen, und die Moral, die im alten Testamente gelehrt und den Juden aus ihm empfohlen wird, darf sich ungescheut der aus dem Evangelium gelehrten an die Seite stellen. Nur der Talmud ist den christlichen Theologen (und jetzt sogar der großen Mehrzahl der Juden) ein Buch mit sieben Siegeln, und darum ist man so sehr geneigt, ohne alle Prüfung dieses Werk in seinen Grundsätzen zu verdächtigen oder geradeswegs zu verdammen, weil frühere Gelehrte es verdammten, ohne zu bedenken, daß diese Früheren dem größtenTheile nach Apostaten des Judenthums waren, die durch blinden Haß gegen den abgeschworenen Glauben ihre treue Liebe gegen den neuzugeschworenen zu beweisen sich bemüheten, und denen (dies sei offen gestanden!) es sogar manchmal gelang, aus manchen aus dem Zusammenhang der Zeit und der Verhältnisse gerissenen Stellen zu beweisen, was sie gerade beweisen wollten. Aber hat es nicht Verblendete gegeben, die sogar mit der Bibel ein ähnliches Spiel trieben, und ihre Moralsätze theils als antiquirt, theils als falsch darzustellen suchten? Es bleibt aber zu beweisen, daß die im Talmud ausgestellte Moral, insofern sie als Norm und Richtscheit des praktischen Lebens der Juden gilt, durchaus eine unverwerfliche, echt humane sei, und dies sei Aufgabe dieser Zeilen, nachdem in aller Kürze noch dargelegt werden soll, daß auch die Bibel der Juden die höchste, reinste Moral in ihren Prinzipien einschließe. Als Jesus gefragt wurde, welches das allererste Gebot sei, so giebt er nicht etwa ein neues, bksher noch nie gehörtes Gesetz, wovon die Juden und seine Jünger bisher Nichts wußten, sondern er führt zwei Gebote der Bibel an, und stellt sie als die Summe aller Lehre auf, deren eines im 5. Buche Mosi's 6, 4. 5., und das andere im 3. B. M. 19, 18. ausgesprochen ist (Evang. Mark. 12, 28—31.). Die den Juden und aller Welt heiligen zehn Gebote sind nickt etwa erst durchJesum und die Apostel geoffenbart und gelehrt worden, sondern sie wurden von diesen als von den Alten schon rezipirt anerkannt, und Jesus hat in der Bergpredigt, die so ziemlich die Summe der christlichen Moral ausspricht, nur die in den zehn Geboten anbefohtenen Lehren näher erläutert und anempfohlen. Aber es sei gestattet, an einigen Beispielen nachzuweisen, daß diese näheren Erläuterungen Jesu sich selbst schon*) in dem Talmud der Juden ausgesprochen finden, und daß also auch hierin die Moral der jüdischen Lehre mit der christlichen parallel laufe. Es heißt bei Matthäus 5. 9.: „Selig die Friedsamen, sie werden Kinder Gottes genannt werden." — Aehnlich heißt es Talmud Traktat Pea Kap. 1. §. 1.: „Zu den Dingen, deren Genüsse dem Menschen sowol hienieden, als in einer andern Welt beschieden sind, gehört die Friedfertigkeit und das Friedenstiften." — Matthäus 5, 11.: „Selig seid ihr, wenn man euch um meiner willen beschimpft, verfolgt und allerlei Böses fälschlich euch nachredet, u. s. w." — Aehnlich heißt es Trakt. Sabbat fol. 88 b: „So lehren die Rabbinen: Die betrübt werden und nicht wieder betrüben, die ihre Schmähung anhören und sie nicht erwidern, die aus Liebe handeln und sich der Leiden freuen, von denen heißt es in der Schrift: Und seine (Gottes) Freunde gehen hervor, wie die Sonne in ihrer Kraft." — Matthäus 5, 21. 22. „Ihr habt gehört, daß es bei den Alten hieß: Du sollst nicht tödten, und wer tödtet soll des Gerichtes schuldig sein. Ich aber sage euch: Jeder, der auf seinen *) Schon; denn wenngleich der Talmud erst im 5. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung völlig als abgeschlossen niedergeschrieben wurde, so ist doch sein Inhalt als mündlich fortgepflanzte Lehre schon lange vor den Zeiten Christi von den Gelehrten undFarisaern verbreitet gewesen. Die Farisaer aber theilten sich in 7 Klassen, deren einige nur den Übeln Ruf verdienten, den sie im Evangelium haben. (S. Talmud Trakt. Sota fol. 22 b; Joh. Lightfooti horac hebraicae et talrmulicac in 4 cvangclistas. Pars I. 229 sq.)