Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1850)
- Date
- 1850-09-23
- Page
- Seite 540 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225660-3225700--11274-3241373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
540 „Preßb. Ztg." schreibt, von Sr. Majestät die allerhöchste Sanktion erhalten, und wird nun um die Erlaubniß nachsuchen, eine Generalversammlung abhalten zu dürfen, um die bei der Genossenschaft erledigten Stellen eines Vorbeters und Predigers auf dem Konkurswege zu besetzen. Die Einkünfte der Genossenschaft zur Bestreitung ihrer kirchlichen Ausgaben belaufen sich auf nahe 6000 fl. C. M., die Zahl der Mitglieder auf etwas über 600. —. Vorige Woche wurde der Vorstand der bösingcr Jsraelitengemeinde vor den Magistrat beschieden und ihm daselbst zufolge eines Erlasses des Herrn Ministerialkommissärs, Grafen Attcms, seine Suspension bis nach erfolgter Purisikation hinsichtlich der Theilnahme an der Revolution angekündigt, worauf sogleich dann ein Provisorium konstituirt ward. Brody, 4. September. Der „Lloyd" enthält von hier aus folgende betrübende Schilderung: Ein unglücklicher Streit zwischen einer Frau und ihrem Stiefsohne hatte vorgestern Abends das traurige Ende, daß die Mutter unter den Mißhandlungen des Ungerathencn bewußtlos zusammensank und trotz der Bemühungen eines Arztes, sie dem Leben wieder zu geben, bald darauf unter den heftigsten Schmerzen den Geist aufgab. Es ist dies ein armes altes Weib, eine Jüdin, die in tiefster Armuth gelebt, vom Ertrage eines kleinen Obsthandels elend ihr Leben fristend. Von ihrem verstorbenen Manne hatte sie eine verfallene kleine Hütte und einen ungerathcnen Sohn, der unlängst als Gemeiner aus dem Militärdienste trat, geerbt; um diese Hütte handelte sich der Streit und das Weib soll an diesem verhängnißvollen Abend provozirend gewesen sein und der Zorn des Sohnes steigerte sich zur Wuth. Er schlug mit einem schweren Regenschirm die unglückliche Mutter über Kopf und Seiten, bis sie zusammensank und nach einem halbstündigen Leiden verschied. Der Mörder ergriff die Flucht, die Polizei heftete sich thätig an seine Spur, aber bis zu diesem Augenblicke ohne Erfolg. Das tiefe Elend, der entsetzliche Pauperismus, in denen die ärmere Klasse hier großen Thesis lebt; die traurige Wahrheit, daß wirklich Tausende von Familien des Morgens nicht wissen, wovon sie den Tag über leben werden, daß so viele Leute aus Mangel oder Unfähigkeit zur Arbeit von dem elenden Ertrage schlechten Obstes, mit dem sie in den Gaffen herumhausiren, leben müssen, und darauf angewiesen sind, den täglichen Bedarf zu suchen und zu decken, ohne irgend welche Mittel für die Gegenwart, ohne tröstende Aussicht oder nur Hoffnung auf die Zukunft, eine Beute der Verzweiflung, wenn die kümmerlichen Mittel ausgehen, das traurige Leben zu fristen — dies wirkt wol entsittlichend genug auf diese Klasse, wie sie hier ist, und stumpft jedes Gefühl, mit Ausnahme jenes der Selbsterhaltung, ab. Es ist beispiellos, das Elend, das in jenen Theilen Brodys herrscht, wo die Armuth sich angesammelt, der Pauperismus sich breitgebettet, und wo die engen schmutzigen Hütten überfüllt sind von hungrigen darbenden Menschen, verkümmerten Gemüthern und zerknickten Seelen! Ein reiches Kontingent zp diesem Elend stellt das nachbarliche Rußland. In jenem Lande werden unmündige jüdische Kinder zur Armee frühzeitig assentirt und für immer ihren Eltern entrissen. Um diesem traurigen Loose zu entgehen, flüchten die armen Kinder durch geheime Schmuggclwege hierher; sie kommen verlassen, arm, da dort nur aus dem dienenden und untergeordneten Stande zum Kriegsdienste ausgehoben wird, und zehren an dem wenigen Wohlstand der Einheimischen, drängen sie aus ihrer Stellung, mehren das Elend und überfluthen mit müssigen brodlosen Menschen, mit Bettlern die ohnedies niedergedrückte Stadt. Roh und unwissend, ohne Erziehung und jegliche Bildung, wie alle diese Flüchtlinge sind, dienen sie dazu, die Unduldsamkeit ihrer Klaffe zu unterstützen, eine lebendige Barrikade gegen alle und jede von der Zeit bedingten Reformen zu bilden, wohlthätigen Neuerungen sich entgegenzustemmen und jede Kultivirung ihres Standes als unnütze und unbequeme Bescheerung abzuwehren. Die Rechte der österreichischen Bürger bei uns usurpirend oder erschleichend, zeigen sich diese fremden Individuen als fremde Unterthanen, wenn sie die ^Pflichten und Lasten der Bürger theilen sollen. Immer übler tritt dies Uebel hervor; wir haben so oft und wiederholt anderweitig darauf aufmerksam gemacht und zur Abhilfe gemahnt, da aus der Noth das Laster hervorgeht, aber bis nun ist Alles wie vor Jahren. Die Erde dreht sich um ihre Are und die Dinge stehen unbeweglich an ihrer Stelle. Prag, 10. September. Der Anschluß der Juden-, jetzt Josephstadt an die Stadt, bedroht noch zuletzt die ganze deutsche Judenheit mit einem Verluste,