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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-09-16 · Heft 38 (16.9.1850) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 38 (16.9.1850)
Date
1850-09-16
Page
Seite 533 (sequence 13)
Language
German
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533 sollst zuerst sehen, und wenn Du recht viel gesehen, dann sollst Du lernen, was das ist, was Du siehst, und was damit zu machen sei..." „Ich bin bereit/' „Darum gebe ich Dir vor Allem zwei Geschäfte. Du sollst in meinem Vorzimmer die empfangen, welche meine ärztliche Hülfe in Anspruch nehmen, sie anmetden oder aufnotiren, und dann sollst Du mir den Jnstrumentenkasten tragen, die Instrumente aus- und einpacken, halten, putzen u. s. s., wenn ich eine Operation zu machen habe. Bist Du damit zufrieden?" „Ganz außerordentlich. Ich werde Alles thun, was ich kan." „Das wird nun freilich vorerst noch sehr wenig sein," fügte der Doktor lächelnd hinzu. „Jndeß wirst Du bei dieser Beschäftigung sehr viele müßige Stunden haben, und da werde ich Dir die lateinische Grammatik in die Hand geben, um die Deklinationen zu lernen, vielleicht noch etwas mehr. Aber Du mußt mir versprechen, recht eifrig zu sein...." „Zweifeln Sie daran, Herr Doktor? Was Sie mir sagen, ist mir ein heiliger Befehl..." „Nun ja, wenn's Dir nur nicht zu sauer wird, ihn auszuführen." Mein Freund hatte also nun eine Bestimmung. Mit welchem Feuer er daran ging, mit welchem Selbstbewußtsein, mit welchen Hoffnungen — sicher eines guten Erfolges werth.... Aber der gute Doktor hatte Recht gehabt: es wurde ihm sehr sauer. Am Besten ging es noch mit dem Verweilen im Vorzimmer. Da saß er ganz gemächlich und träumte, bis Einer kam, den er anmeldete oder deffen Namen und Verlangen er auf die Tafel schrieb. Aber schon die Instrumente! Ihre Namen behielt er nun einmal nicht, und wenn er sie anfaßte, war es immer just am verkehrten Ende, und wenn er sie putzte — so oft es ihm gewiesen wurde, nicht allein trug er jedesmal hundert Stiche und Schnitte von den scharfen Dingern davon, sondern er legte sie, nachdem er gearbeitet, daß der Schweiß ihm von der Stirn rollte, gewöhnlich stumpfer hin, als er sie in die Hand genommen. Nachdem dem Doktor wiederholt sehr kostbare Instrumente verdorben waren, mußte er diese Dienstleistung „vorerst", wie er zart sagte, ihm wieder abnehmen. — Ebenso wenig ging es aber mit der lateinischen Grammatik. Wie rasend lief der arme Bursche im Vorzimmer und bis tief in die Nacht in seinem Stübchen auf und ab, und schrie mensa, puor, leo, daß die Wände zitterten. Hatte er sie gefaßt, schlug er triumphirend das Buch zu, warf sich siegestrunken auf sein Lager: des Morgens kam immer wieder mensa, inensi, men8cirij, m6N8um und dergleichen heraus. Jndeß bei allem dem hätte die Ausdauer einen Sieg über die hartnäckige Natur noch erhoffen taffen. Ader was das Aergste war — Schlemiehl konnte kein Blut sehen. Die ersten Male, als er, und waren es auch ganz leichte Falle, bei einer Operation zugegen war, bekam er Schwindel, Ohnmacht, er mußte sich zu Bett legen, das Fieber schüttelte ihn, er phantastrte, wo ec sich zerbrochen, zerschnitten, zusammengenaht, und Gott weiß was fühlte...» Der Doktor wiederholte die Versuche, aber immer dieselben Folgen, ja noch heftigerer konnte sich es nicht mehr verhehlen: aus Schlemiet konnte kein Doktor gemacht werden. Was nun? Der Doktor war sehr mißmuthig über den mißlungenen Versuch. Schlemiehl sing an, nach seinen heimathlichen Dörfern sich zu sehnen. Sein Brod müssig zu essen war für seinen hohen Sinn zu niederschlagend. Ec machte sich im Hause so viel wie möglich verdient, er las Jedem vom Gesichte ab was er wünschte, und flog es zu vollführen — aber das konnte ihn auf die Lange nicht befriedigen. Ja, er war schon Willens, sich heimlich zu entfernen, und so plötzlich aus der Familie zu verschwinden, wie er in sie hineingerathen — aber ... Und nun, lieber Leser, will ich Dich noch einen Blick werfen lassen in die stille Herzenskammer meines verstorbenen Freundes — warum er nicht ging, als er den Absichten des edeln Doktors nicht entsprechen konnte — in dieser stillen Herzenskammer wohnte die—Liebe. Es war eine Liebe, so rein, so jungfräulich, so verborgen, und doch so heiß, wie jemals im Herzen eines Mannes — aber der Gegenstand derselben war zu hoch, zu unerreichbar für ihn — er liebte die Tochter seines Wohltäters, und sie war doch noch ein halbes Kind.... Allerdings hatte die schreckliche Nacht im Walde sie um einige Jahre ernster und besonnener gemacht, und sie hegte für unfern Freund, der ihr wie ein Licht in dichtester Finsterniß aufgegangen, eine herzliche, fast schwesterliche Zuneigung. Stets war sie um ihn besorgt, erfreute ihn mit Geschenken, unterhielt sich mit ihm, woran das Mitgefühl mir all den Mangeln, die ihn ungeschickt machten das zu werden, wozu ihn eine glücklichere Erziehung wol hatte entfalten können, einen bedeutenden Antheil

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