Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1850)
- Date
- 1850-09-16
- Page
- Seite 534 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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534 hatte. Aber diese Annäherung eines jugendlichen weib-! lichen Wesens wirkte allzuheftig auf ihn ein. Wer hatte! sich je um ihn gekümmert? welch' Mädchen ihm ein Lächeln, einen freundlichen Blick, eine wohlwollende Anrede gewidmet? ... So war es gekommen, daß in ihm ein Funke glühend wurde, der sich nach und nach zur Flamme entzündete, nicht er, nicht sie wußte, ahnte es._ Als er nun gar erst ohne bestimmte Beschäftigung war, und durch Dienstfertigkeit, namentlich gegen die Frauen des Hauses, sein Stückchen Brod zu verdienen suchte, und er daher um so mehr in der Nähe des lieblichen Wesens weilte — da war es ganz um ihn geschehen. Von der Zeit an, wo dieses Gefühl reger in ihm wurde, da begann er sich immer mehr zurückzuziehen. Träumerischer war er als je, scheuer als je; in seinem Stübchen brachte er die Tage einsam zu, man mußte ihn aufsuchen, wenn man ihn haben wollte. O, wie viele Thranen mag das Kissen seines Hauptes empfangen haben. Aber noch mehr; er wurde seiner ganz vergessen; oft saß er bei Tische, und vergaß die Speisen zu sich zu nehmen. Anfangs schrieben der Doktor und seine Frau dies dem Kummer über die fehlgeschlagenen Hoffnungen zu. Der Doktor suchte nach einer andern Beschäftigung. Er sprach mit einem Buchdrucker, und verabredete die Bedingungen, unter welchen er ihn in die Lehre nehmen sollte. Aber die Verfassung Schlemiehls war gerade jetzt die unglückseligste. Nach einigen Tagen schickte ihn der Buchdrucker zurück; es war total mit ihm Nichts anzufangen. Der Doktor beobachtete daher seinen Schützling naher, indem es ihm klar wurde, daß an dieser gänzlichen Umwandelung noch etwas Anderes schuld sein müßte. Da ereignete sich eine an sich ganz unbedeutende Begebenheit, die ihn einen Blick in die Seele des jungen Menschen werfen ließ. Eines Nachmittags war das junge Mädchen mit Erlaubniß ihrer Eltern zu einer Freundin gegangen. Es wurde Abend, ü'e war nicht zurück. Die Nacht rückte heran, sie erschien nicht. Der Bediente kehrte mit der Nachricht zurück: die beiden Fraulein wären ausgesahren und noch nicht zurück. Wohin? wußte man nicht. Da gerierh man in Besorgniß. Aber auf Keinen übte die Nachricht eine überraschendere Wirkung als auf unfern Freund. Wie aus einem Schlafe erwachend, fuhr er auf; tausend Fragen strömten auf den Bedienten von seinen Lippen ein; endlich stürzte er ohne Hut fort. Von halber zu halber Stunde kehrte er zurück, und frug, nach jedem vergeblichen Gange oder vielmehr Laufe, an, ob sie noch nicht nach Hause zurückgekommen. Endlich glaubte er eine Spur nach einem etwas entlegenen Landhause einer Kmeinsamen Freundin der beiden Mädchen gefunden zu haben, und in der leichtesten Bekleidung bei strengem Herbstwetter eilte er durch die Nacht dahin. Nach vielen Unfällen gelangte er zu dem Landhause, weckte die Bewohner, und erfuhr, daß sie auch wirklich da übernachte. Glückselig über diese Nachricht machte er den Rückweg zur Stadt; er fand das Haus verschlossen, denn ein saumseliger Bediente hatte spat sich des ihm gewordenen Auftrages, die Eltern von dem kleinen, unerwarteten Ausfluge zu benachrichtigen, entledigt, worauf sich diese zur Ruhe begeben; Schtemiehl wollte diese nicht stören, und verharrte die Nacht vor der Thüre. Die Aeußerungen, das ganze Benehmen Schlemiehls bei diesem Vorgänge hatten den Eltern die Gefühle desselben verrathen. Sie besprachen sich darüber, und sahen die Notwendigkeit ein, ihn zu entfernen, um so mehr da sein Aufenthalt ganz zwecklos war. Nach einigen Tagen hatte ec seinen Bündel geschnürt, und indem der Doktor alle Vorkehrungen getroffen, daß seine geringen Bedürfnisse befriedigt würden, wurde er von ihm nach der Heimath entlassen. . So kehrte Schlemiehl zurück, nachdem abermals eine glänzend geträumte Zukunft in werthlose Scherben zerbrochen war. Aber diesmal war es ein dreifaches Weh, das er davontrug; einmal diese bittere Enttäuschung, dann seine hoffnungs-, aber nicht sehnsuchtstose Liebe, und endlich eine tief geknickte Gesundheit von jener Nacht her. 11. Daß Schlemiehl zurückgekehrt war — diese Nachricht hörte bald auf eine Neuigkeit des Städtchens zu sein, und nach einigen Tagen war man seiner wieder so gewohnt, als ob er niemals fort gewesen. Seine wandernde Lebensart konnte er nicht wieder beginnen; dazu fehlte ihm Kraft und Muth, daran verhinderte ihn seine verfallene Körperlichkeit. Aber er schien jetzt auch recht besonnen und gemessen. Nach einiger Zeit hatte er einen Entschluß gefaßt; er ging bei einem Schneider in die Lehre, unter der Bedingung, daß er sogleich mit Nähen beschäftigt würde. Der Doktor, der einen Bekannten beauftragt hatte, unfern Freund nie