Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1850)
- Date
- 1850-09-16
- Page
- Seite 523 (sequence 3)
- Language
- German
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523 der Anstalt entlassen und von dem königl. Provinzialschulkollegium zur Uebcrnahme der ihnen angetragenen Stellen für reif und berechtigt erklärt worden, hat sich — zum ersten Mal — auch eine Dame jüdischen Glaubens befunden. —; Im katholischen Schullehrerseminar hospitiren in diesem Semester 10 jüdische Jünglinge, eine Erscheinung, die auch schon sehr lange (seit snno 40) nicht mehr wahrgenommen worden. Den jetzigen jüdischen Hospitanten werden die schriftlichen Arbeiten durchgesehen und verbessert. Das ist die einzige Auszeichnung, welche sie vor den Hospitanten früherer Zeilen voraus haben. Den mündlichen Vorträgen in den Klaffen dürfen auch jetzt noch die Juden nur als stumme Zuhörer beiwohnen: eine Frage wird niemals an sie gerichtet und zur Theilnahme an den „praktischen Hebungen" in der mit dem Seminar verbundenen Elementarschule sind sie auch nicht zugelassen'). Warum haben wir noch kein jüdisches Schullehrerseminar in unserm Großherzogthum? Wenn einer Provinz des preußischen Staates, so thut eine solche Anstalt der unser» Noth * 2); denn wir haben 75 öffentliche Schulen, für welche wir mindestens 130 Lehrer brauchen. Der Staat giebt uns kein eigenes Lehrerbildungsinstitut. Könnten wir aber nicht — mit Genehmigung der Regierung — aus eigenen Mitteln ein Solches errichten? Und wäre das nicht wohllhätigcr und zweckmäßiger, als alle die Afterreformen im Kultus- und Gemeindewcsen, um die man sich schon jahrelang streitet und gegenseitig anfeindct, ohne nur Einen Schritt — ja nur einen einzigen Schritt — vorwärts zu kommen. — Wahrlich! Herr Redakteur, Alles, was Sie neulich (in Ihrem dritten Sendschreiben) den Juden Ungarns zugerufen haben, hätten Sie ebenso gut Ihren Glaubensgenossen im Großherzogthum Posen sagen können. Warum thaten Sie es nicht? Vielleicht, weil Sie schon wissen, oder wenigstens ahnen, daß *) In früheren Zeiten mußten sogar die jüdischen Hospitanten des posener Seminars abgesondert sitzen — auf der letzten Bank an der hintersten Wand. — Wie jetzt? — „Weiß nicht ob's anders worden in dieser neuen Zeit" — sagt Wilhelm Müller. 2) Selbst diejenigen jüdischen Lehrer, welche auf auswärtigen jüdischen Seminarien (;. B. in Münster, Kassel, Berlin rc.) ausgcbildet worden, passen nicht für die jüdischen Schulen unsrer Provinz. Dies hat hier die Erfahrung nur schon zu oft gelehrt. Sie hier nur tauben Ohren predigen würden? — Ich kann nicht umhin, noch einmal zu sagen — und werde es noch so oft als möglich aussprechen — wenn einer Provinz im Staate, so ist der unfern die Errichtung eines jüdischen Lehrerseminars nöthig — und Nichts ist uns nöthig er, als eben ein solches*). Nächstens ausführlicher über diesen Gegenstand. — Im Tempel des Brüdervereins hat am Sabbat «Ln ein Di*. Wolf aus Kulm mit ziemlichem Beifall gepredigt. G n e se n. Die Neuwahl der Verwaltungsbeamten hat lauter Antiliberale an's Ruder der Gemeinde gebracht. Diese Männer, den zeitgemäßen Institutionen im Kultus abhold, wollen dieselben aus dem neuen Tempel bannen und an deren Statte wieder die alten Bräuche einführen. Am vorletzten Sabbat hatte der erste Schritt hierzu geschehen sollen, aber Dank der Energie des würdigen Synagogenvorstehers, Herrn Joseph Heilbronn, daß es nicht dahin gekommen. Dieser Mann merkte zeitig genug die Pläne der Dunkelen und wußte sie zu vereiteln. Um etwaigen Exzessen vorzubeugen, waren die Eingänge zum Tempel mit Gensd'armen besetzt. Aus anderen Gemeinden für heute nichts Neues. Aus Württemberg, 1. September. (Privatmitth.) Ich überschicke Ihnen anbei einige, allerdings etwas ältere Erlasse des israelitischen Oberkirchenraths, die jedoch den Gang unserer Angelegenheiten bezeichnen, und so in der Allg. Ztg. des Judenthums nicht wohl fehlen dürfen. I. Die königl. israelitische Oberkirchenbehörde an das Rabbinat N. Aus Veranlassung der Verkündigung der deutschen Grundrechte ist der Gedanke und der Wunsch mehrfach laut geworden, in der israelitische Kirche des Landes eine Feier wegen der durch den §. 16 ausgesprochenen Gleichstellung der Bekenner des jüdischen Glaubens mit den christlichen Mitbürgern zu veranstalten. Die Oberkirchenbehörde erkennt tief, wie natürlich das Gefühl des Dankes gegen Gott für diesen den Glau- *) Natürlich werden wir dieses Bedürfniß nur so lange fühlen, als es dem Staate nicht gefallen wird, die konfesstonellen Seminarien aufzuheben und an deren Stelle Simultanseminarien einzurichten. Eine Lehrerbildungsanstalt für alle drei Konfessionen würde uns noch weit wiltkommncr sein, als eine besondere jüdische.