Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1850)
- Date
- 1850-09-09
- Page
- Seite 510 (sequence 2)
- Language
- German
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510 Asien, zu einer Zeit, da Eroberer um Eroberer die Welt in blutige Fesseln schlugen, die Fahne der ewigen Friedensbotschaft auf der Gotteshöhe des Geistes aufzupflanzen? Und wir, in einer Zeit, in welcher jene großen Verheißungen so manche Keime naher Erfüllung treiben, wir sollten uns um jene Fahne nicht brüderlich schaaren? Ja, die jetzige Zeit eilet schnell voran! das Roß ging ihr zu langsam, da spannte sie den Dampf in's Joch; der Dampf ging ihr zu langsam, da nahm sie in ihren Dienst die geflügelte elektrische Kraft. Wie die Gedanken eilen! wie die Ideen fliegen! Also werden die Herzen der Völker zu einander eilen. Wer will es hindern? Wer? die stehenden Heere! — Ich bin weit entfernt, der Tapferkeit zu nabe treten zu wollen, die hohen Gefühle zu verkennen, welche dem begeisterten Kampfer für Licht, Recht, Freiheit und Vaterland die starke Brust schwellen, allein eben daß auf dem blutigen Felde solche Lorbeeren errungen werden können, das ist gefährlich; das adelt die Leidenschaft, welche den Menschen, wenn er mitten im Kampfe sich befindet, zum blutlechzenden Geschöpfe macht. Darum ist dieser Punkt, bei welchem wir jetzt stehen, der wichtigste von allen. Dieser Satz wird auch in unserm deutschen Vaterlande freudige Zustimmung finden. Denn Sie werden nach der Lage der Verhältnisse, die schon gestern der verehrte Vorsitzende in seiner Einleitungsrede berührt hat, überzeugt sein, daß im gegenwärtigen Augenblicke Ihrem freundlichen, wohlgemeinten Zurufe: „Frieden! Frieden!" von den deutschen Bergen kein vielstimmiges Echo, sondern da ein dumpfes Grollen und dort das bittere Lachen der Verzweiflung entgegentönen wird. Seien Sie aber deshalb doch gewiß, daß auch Deutschland, mag es jetzt für Ihren Friedensrus kein offenes Ohr, für die sonst so freudig begrüßten Ideale kein emporgerichtetes Auge haben, für die Dauer sich Ihren Bestrebungen nicht entziehen wird. Sorgen Sie durch die Befestigung Ihres großen Werks dafür, daß die Völker überall zum Bewußtsein ihrer Kräfte und Ansprüche gelangen; daß die Kriege nicht mehr im schnöden Interesse Einzelner geführt, sondern im wohlverstandenen Interesse Aller unmöglich gemacht werden, und Deutschland, dessen gesegnete Fluren das Kriegsroß so oft zerstampft hat, das immer die unglückliche Wahlstatt war, auf welcher die Heere Europa's ihre blutigen Händel ausfochten, Deutschland wird Ihnen Beifall Zurufen! Sorgen Sie durch Ihr großes Friedenswerk dafür, daß die Völker überall zu der Einsicht gelangen, daß sie es seien, welche durch die stehenden Heere sich selbst unter Bevormundung stellen, sich selbst gegen die eigene Freiheit bewaffnen, und Deutschland, wie das ganze Europa, an dessen altgewordenem Stamme diese Wucherpflanze tödtend saugt, wird Ihnen Beifall zujauchzen! Denn die Völker, die sich selbst gegen sich selbst bewaffnen, kommen mir vor, wie ein Mann, der gegen sein Bild im Spiegel die Faust ballt. Nun ballt der Mann im Spiegel die Faust dagegen. Da wird der Mann außer dem Spiegel bös und schlägt den Mann im Spiegel. Wen schlägt, wen verwundet ec? Sich selbst! Die Umstehenden lachen, und der Spiegel liegt zertrümmert. Der Spiegel ist das Glück des Volks; die Umherstehenden, das sind diejenigen, welche beim Unheile des Volkes lachen können; der thörichte Mann ist das auf sich selbst losschlagende Volk. Darum aber, meine Herren, sind die stehenden Heere gegen die innere Freiheit ebenso gefährlich, wiegegenden äußern Frieden. Fragen Sie unsere Brüder aus England, was hat ihren großen Freiheitsbrief sichergestellt in unsicheren Zeiten, so daß ihre Freiheit auf einem unerschütterlichen Felsen steht, an welchem die Wogen der Zeit sich zürnend brechen? Ihr großer Landsmann Macaulay in seinem herrlichen Geschichtswerke giebt Antwort, indem er uns belehrt, daß bei allen Uebergriffen der Tudor's sie sich doch Grenzen setzen mußten, „kor they had no armed force and they were surrounded by an armed people“ (denn sie hatten keine bewaffnete Macht und sie waren von einem bewaffneten Volke umgeben). Fragen Sie den Sohn Frankreichs, was hat in seinem herrlichen Lande den ruhigen Fortgang der innern Freiheit gehemmt, bis ein gewaltiger Blutstrom ihr einen neuen Weg geöffnet? er wird Ihnen sagen, eben die stehenden Heere thaten's, welche dort die Königsmacht frühzeitig umgeben haben. Fragen Sie endlich den Nordamerikaner, wer ist bei ihm der Hüter der innern Ruhe und Sicherheit? „Derjenige, der am Meisten bei deren Aufrechthaltung betheiligt ist, der Bürger!" So muß es auch bei uns werden! — Es wird wol mit großen Schwierigkeiten verbunden sein, die Regierungen für diesen Art. 3 zu gewinnen. Doch hat uns gestern der hochverehrte Mr. Eobden belehrt: die öffentliche Meinung, ausgedrückt durch eine wahre Volksvertretung, ist eine Macht, vor welcher die Regierungen am Ende sich beugen müssen. Nicht blos die Regierungen also, auch, ja, ganz vorzüglich die Volksvertretungen wollen wir auf die Nothwendigkeit der Abschaffung der stehenden Heere ernstlich aufmerksam machen.