Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1850)
- Date
- 1850-09-02
- Page
- Seite 498 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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498 Hand. In der Vorrede spricht sich der Verfasser wehmüthig darüber aus, daß sich das Volk der Erzgebirger seit seiner Zugend, die er da verlebt, gänzlich verwandelt hat, die Einfachheit der Sitten, des Gesichtskreises, der Bedürfnisse und Wünsche gänzlich gewichen und einem ganz Andern Platz gemacht habe. Deshalb habe er diese Geschichten niedergeschrieben, um die Gestalten früherer Zeit zu sixiren. Dies ein Beispiel. Jeder aber, der im Volke gelebt und lebt, der es in Städten, Städtchen und Dörfern zu beobachten Gelegenheit gehabt, wird von überall dasselbe zugeben. Die Ursachen und Mittel dieser Umwandelung sind klar. Die Gesetzgebung, welche die Scheidewände immer mehr niederreißt, die Presse, welche ihre Erzeugnisse in jede Hütte geworfen, die Kommunikationsmittel, welche jeden isotirten Weiler mit der Welt Ln Verband gebracht, die unendlich bewegliche Industrie, welche Nichts an seinem frühern Platze Läßt, und die innere Entwickelung des Menschengeistes, welche nach empfangenem Anstoße immer vorwärts treibt, geben vollständigen Aufschluß, warum und wieso es so gekommen und immer mehr kommt. Das ist sicher, daß der, welcher eine gewisse Wehmuth, die bei solcher Vergewisserung in der Seele aufsteigt, als kindisch verlacht, wenig Anlage für Gefühl in seinem Geiste haben muß. Niemals kann das Verstechen und zu Grabetragen eines Bestandenen, selbst wenn es schon die Silberlocken des Greisenthums, selbst wenn es schon die Zeichen des Kindischwerdens an sich trug, ohne wehmüthige Klange in unserm Herzen zu wecken beobachtet werden. Ebenso sicher ist aber der schon selbst veraltet und geschwächten Geistes, welcher über den Untergang eines abstecbenden Lebens das Bewußtsein so verliert, daß er die Welt darum beklagt und sie verschlechtert wähnt. Zm Gegentheil, in der Selbstvernichtung des Abgestorbenen feiert der ewig junge Geist der Menschheit seinen höchsten Triumph, und im Aufgeben der Besonderheit für das Allgemeine liegt der Fortschritt des Menschengeschlechtes. Aber demungeachtet laßt die Beobachtung solcher Umwandelung nicht ohne Besorgniß. Zuerst fragt es sich: liegt in der Auflösung seines eigenthümlichen Lebens nicht auch die Auflösung des Trägers dieses Lebens? sind Beide nicht so unauflöslich mit einander verbunden, daß sie Beide ohne einander nicht existiren können? Und wenn man diese Besorgniß beseitigt, frägt es sich: werden für die Tugenden, die in dieser Besonderheit, trotz ihrer Mängel, doch auch lebendig waren, andere erworben, die einen genügenden Ersatz für die verlorenen gewähren? Und wenn auch dieser Besorgniß kein Raum gegeben wird, frägt es sich doch: in welcher Weise wird nun das Allgemeine fortleben, das als Kern in der Schale der Besonderheit sich erhalten hatte? Die israelitische Religion, die durch die stürmischen Zeiten und Kämpfe des Mittelalters sicher in der Hülle des jüdischen Volkslebens erhalten ward, auf welche Weise wird sie durch die noch stürmischeren Zeiten und heftigeren Kampfe der Neuzeit und Zukunft ohne jene Hülle des jüdischen Volkslebens schreiten? Ich weiß, was man antwortet; man appellirt an die Siegeskraft der Wahrheit; aber man wird immer der Frage nicht entgehen: ist erst die Religion Israels aus der Retorte der Neuzeit als ein Paar nackter theoretischer Sätze hervorgegangen, welche fesselnde Kraft wird sie für die Menge haben, die Kompakteres haben will, als einige Gedanken, die immer mehr Gemeingut werden? Gerade darum ist es nothwendig, sich jenes Fortganges unsrer Zeit in der Umwandelung des Volkslebens zu vergewissern, und deren Unaufhaltbarkeit uns klar zu machen. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, 17. August. (Privatmitth. Bon unserm zweiten Korrespondenten.) Die Angelegenheiten des hiesigen Neuen israelitischen Tempelvereins haben ohne Zweifel ein weiteres Interesse, und ich nehme daher keinen Anstand, Ihnen über die letzte Generalversammlung seiner Mitglieder, zu welcher sehr dringend eingeladen worden war, zu berichten. Die Versammlung war zahlreich besucht. Der Vorstand stattete über die finanzielle Lage des Tempels Bericht ab — und wenn man auch einen ungünstigen Bericht erwartete, denn die Theilnahme für den Tempel ist erloschen, und das schöne Gotteshaus füllt sich nur an sehr wenigen Tagen, so glaubte man doch nicht, daß es so schlecht stände. Jährlich wurden bis jetzt 2000 Mk. Krt. mehr ausgegebcn — als eingenommen; in diesem Jahre wurden aber so viele Plätze gekündigt, daß man ein weit größeres Defizit erwar-