Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1850)
- Date
- 1850-08-26
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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482 A. Ich dächte aber, diese Frage Lnteressirte uns gar nicht, da bekanntlich unsere Religion ein Gefangengeben der Vernunft nicht verlangt, sondern vielmehr, daß wir nach Erkennrniß streben.sollen. Es ist also eine Streitfrage der Kirchen, die selbst damit fertig zu werden suchen mögen. A. Ich muß Ihnen offen gestehen, das scheint mir nicht so ausgemacht, ja vieWMr ich habe es stets für einen der vielen glanzenden rUvsprüche gehalten, welche in der neuern Zeit für die israelitische Religion zum beliebigen Gebrauche zurecht gemacht worden sind, und womit man sich aushilft, wenn man über die schwierigsten Fragen recht leicht hinwegschlüpfen will. A. Wieso bte$? K. Ich sagte „in der neuern Zeit", allein das muß ich doch modisiziren. Der Ausspruch ist allerdings von Mendelssohn ausgegangen, allein genauer genommen ist er schon älter, und Maimonides, der wiederholt die Erkenntniß als die höchste Stufe des Menschen anerkennt, stellt ihn ebenfalls hin. Aber gerade in diesen beiden Männern zeigt sich die Unhaltbarkeit dieses Satzes am Klarsten. Beide, welche die Verbindlichkeit der Tradition für die Israeliten um dessentwillen annahmen, weit sie sie ununterbrochen von Moses herleiteten, Moses sie aber von Gott geoffenbart erhalten habe, können dies doch nur als Glauben beanspruchen, und der Vernunft nicht das Recht einräumen, diese Tradition zu untersuchen, weil es Keinem fraglich sein kann, daß die Vernunft sowot die ununterbrochene Ueberlieftrung als auch den größten Theil des Inhalts der Tradition sofort beseitigen wird. Der Dualismus, der unvermittelte Dualismus, der in beiden Männern lebt, ist ja daher auch längst anerkannt, und wir haben nur das psychologische Rarhsel, wie in einer derselben Person der Philosoph Maimonides und der Philosoph Mendelssohn neben dem gläubigen Bearbeiter der Tradition Maimonides und Mendelssohn existiren konnten. Es waren eben die zwei alten Parteien in Einer Person, Beide in ihrer ganzen Scharfe, wie sie sich sonst, kampfend auf Tod und Leben, gegenüberstehen, und hier doch in Einer Person. P- Ich gebe das zu, aber finden wir nicht in denseldkn betoen Männern noch ein drittes Gebiet, wo sie nämlich um die Tradition sich gar nicht kümmerten, sondern nur die Bibellehre mit der vernünftigen Erkenntniß in Übereinstimmung zu bringen suchten? Wohl, unsere Religion kann ja auch ohne die Tradition gefaßt werden, und dann wird der Ausspruch, daß dieselbe Erkenntniß verlangt, und eine blinde Hingabe an die festgestellte Lehre von sich weiset, gerechtfertigt erscheinen. K. Auch das kann ich nicht zugeben. Es ist ein täuschend Spiet, wenn man die Tradition verwerfen, die heilige Schrift aber in ihrer Ganzheit annehmen will, und dann behauptet, vollständig mit der Freiheit der Vernunft bestehen zu können. Die heilige Schrift enthalt nicht minder tausend Dinge, welche der Vernunft unsrer Zeit widersprechen, und die die Vernunft an sich nicht gelten laffen will. Daher läßt man sich wieder auf ein Sichten und Sondern ein, bis man allen festen Boden unter den Füßen verloren hat, und sich fragen muß, was denn von der Schrift übrig bleibt? Ich will nur Eines ansühcen; die ganze Schrift geht aus der Lehre von der göttlichen Offenbarung wie aus ihrer Wurzel hervor. Geben wir diese Lehre auf, so geben wir die ganze Schrift hin, denn wir verleugnen dann den hauptsächlichsten Inhalt der Schrift und den ganzen Charakter, den sie selbst sich giebt. Kann also die israelitische Religion diese Lehre der Kritik der Vernunft überlassen? Nimmermehr. Unsere Religion befaßt also die gedachte Streitfrage ebenso, wie irgend eine Kirche. Wir sehen es denn auch in der That so. Das orthodoxe Judenthum fordert ebenso sehr die blinde Hingabe, wie irgend die katholische und die protestantische Kirche, und das rationalistische Judenthum stellt die Vernunft als höchste Instanz und Schiedsrichtern über die Lehren der Religion ebenso sehr hin, wie die Rationalisten im Christenthume. Die Stellen in der Schrift, auf die man sich öfter beruft, die Stellen mit n^TO, Dn^TH u. dgl., sprechen wenig dafür, da sie nicht eine Operation der Erkenntniß, wie wir sie verstehen, meinen, sondern vielmehr „anerkennen" bedeuten. Beruft sich doch die Schrift nicht minder schon auf die geschichtliche Ueberlieferung, wenn sie sagt: „Frage doch die Alten", „von dem Tage an, wo der Mensch geschaffen wurde" u. dgl. A. Was wird demnach die Hauptfrage, oder der Kern unsers Gegenstandes sein? §}. Einfach die Frage: über die Bedeutung der Geschichte oder vielmehr der geschichtlichen Entwickelung für den Menschen überhaupt. <A. Sehr richtig; wo aber da beginnen? N Ich glaube, wir kommen zu keinem Ziele, wenn wir nicht einen Blick in den Menschen selbst werfen, um zu sehen, wie er sich in seiner Individualität zur Geschichte verhalt. «A. Wie verstehen Sie dies?