Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1850)
- Date
- 1850-08-05
- Page
- Seite 440 (sequence 4)
- Language
- German
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440 Sic war der Krystallisatkonspunkt, an den alle Glieder anschossen, sobald sie in die Nahe desselben gelangten. Aber die Lokalgemeinde hat zu diesem Zwecke sich überlebt. Sie tragt dieses mächtige Interesse nicht mehr in sich. Bei der, über Alles hinausgewachsenen Verkehrsbewegung, bei dem, allen Individuen zu eigen gewordenen Hinblick auf das Große und Ganze, genügt eine jüdische Lokalgemeinde nicht mehr, um ein großes Interesse zu bergen, und so bedarf Israel größerer Komplexe, bedeutenderer Körperschaften, um so viel Leben in sich zu wahren, daß es schaffen und wirken könne. Es ist dies nicht blos in Ungarn der Fall, ja vielleicht da noch nicht so sehr, wie in anderen Landern, aber es ist überall wahr, und die tägliche Erfahrung wird diese Beobachtung bekräftigen. Wohl, so müssen diejenigen, welchen es wahrer Ernst um die Erhaltung unserer Glaubensgenossenschaft ist, dahin trachten, daß sich überall solche größere Komplexe bilden, daß die Lokalgemeinden durch eine Landesgemeinde ein festes Fundament gewinnen, auf dem sie sicher bestehen. Eine Lokalgemeinde vermag Nichts mehr, vermag nicht mehr zu schützen und zu schaffen, jedes bedeutende Institut kann nur durch weitere Kräfte uud für weitere Bedürfnisse erstehen. Dies also wird, ungarische Israeliten, der nächste Probierstein sein, auf dem Euer Goldgehalt sich bekunden wird. Seid Ihr dazu angethan, aus dem, in diesem Augenblick ungebahnten Wege eine Gesammtheit zu organisiren, so habt Ihr Eure Lebenskraft erwiesen, so habt Ihr dargelegt,, daß Ihr nicht blos aus einem ungeheuer großen erstarrten und einem kleinen überreizten Körper besteht, so werdet Ihr aus dem unheilvollen Zustande, in welchen das ganze gemeinsame Wesen der ungarischen Juden gerarhen ist, herauskommen, und sehr bedeutende Erfolge werden sich sicher ergeben. Vergesset nicht, mehr als man gewöhnlich meint beruhet die gesellschaftliche Stellung auf der religiösen Unterlage, ganz und gar beruhet sie aber auf der Kulturstufe, welche die Masse einnimmt. Gehet Ihr da nicht vorwärts, so ist auch die neu erlangte bürgerliche Stellung nicht haltbar, früher oder später wird diese sich wieder verändern, ja Ihr werdet nicht einmal zu deren Vollgenuß gelangen, denn immer werden sich wieder lokale Hindernisse erheben. Dies ist es, was ich zuvörderst klar machen wollte. Eure neue Stellung erfordert eine Veränderung Eures bisherigen Zustandes; sie verlangt gebieterisch soziale und religiöse Kultur; diese kann für die Gesammtheit nur durch die Gesammtheit erreicht werden; eine gewisse Organisation der Gesammtheit ist demnach unentbehrlich. Worin diese zu bestehen habe, lasset mich ein ander Mal auseinandersetzen, und so ende ich heute nur noch mit der Bemerkung, daß es nicht meine Meinung sein könne, als ob nicht ein Anderer namentlich in Eurer Mitte Euch dasselbe sagen konnte und sagen wird — aber was hohes, nnabweisliches Bedürfniß ist, das kann nicht oft genug gesagt werden. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Weimar, im Juli. Die Bevölkerung auf dem Lande hat dem Vorurthcile gegen ihre jüdischen Mitbürger keine Rechnung getragen, sondern auch sie in die neuen Gemeindebehörden gewählt, ja in einem kleinen Orte des eisenacher Oberlandes fast einstimmig und in gleicher Anzahl mit denen aus der christlichen Einwohnerschaft. Aus Baiern, im Juli. (Privatmitth.) Die seit den Kammcrverhandlungen über Emanzipation bei uns eingetrelene Stille in Betreff jüdischer Verhältnisse wurde vor wenigen Wochen gebrochen, und zwar dadurch, daß das königl. Staatsministerium an verschiedene Rabbiner 28 Fragen stellte, welche die Gestaltung der Kultusgemeinden, die Autorität der Rabbiner, Herstellung eines künftigen Organs zur Vertretung und Leitung der Israeliten in religiöser Beziehung u. dgl. betrafen. In den Provinzen diesseits des Rheins wurden zur Begutachtung aufgefordert: A. Adler von Aschaffenburg, H. Aub von München, Di'. Aub von Bayreuth, Di*. Feuchtwang von Dettingen, P. Guggenheimer von Kriegshaber, Dr. Löwi von Fürth. Einige der hier erwähnten Rabbiner kamen zu einer Besprechung über die Art und Weise der Beantwortung in Bamberg zusammen, welcher Konferenz auch mehrere Rabbiner, die nicht zur Begutachtung aufgefvrdert wurden, beiwohnten. Daß über einige der wichtigsten Fragen manche sehr divergirende Ansichten werden geltend gemacht werden, kann wol keinem Zweifel unterliegen, da in den zur Begutachtung aufgeforderten Rabbinen die verschiedensten Richtungen