Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1850)
- Date
- 1850-08-05
- Page
- Seite 439 (sequence 3)
- Language
- German
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439 dem Schatten der Umbildung zurückblieben, und nun kein versöhnendes und ausgteichendes Mittelglied zwischen beiden Theilen vorhanden war; daß darum zwischen Beiden in Allem, was Bildung betrifft, eine heiltose Kluft, ein Gegensatz bestand, der Alles in Frage stellte, der Alles mindestens wirkungslos machte. Während eine Anzahl Israeliten in Ungarn, namentlich ein Theil der Jugend sich mitten hinein in den Strudel der wildesten Geistesbewegung geworfen, wahrend sie so insonders von den alten, bewahrten Ufern der väterlichen Religion weit hinweggeführt ward: verblieb die bei Weitem größere Zahl auf dem Standpunkte des Mittelalters, wies alle Bestrebungen der Bildung von sich, von mannigfaltigen, trüben Erscheinungen auf der andern Seite oft zu sehr in ihrem Wahne bestärkt. Jener große Mittelkörper, wie ec namentlich unter den Juden Deutschlands vorhanden ist, der, vom Geiste der Zeit durchdrungen, zwar langsam, aber desto sichrer fortschreitet, immer aber die wahren lebendigen Ecrungnisse der Geschichte, die geklarte religiöse Ueberzeugung der Water festhalt, fehlte in Ungarn nur zu sehr. Was daher in der ungarischen Judenheit für Geistesbildung des Volkes geschah, war nicht bedeutend, immer aber gekünstelt. Es war mehr das Werk Einzelner, es erstand unter dem Frosthauche der Opposition, und sein junges Leben erstarrte unter der Eisesdecke der Feindschaft, des tödtlichen Kampfes. So erhob bald hier, bald dort eine Knospe, bald aber senkte sie wieder das Haupt, oder siet abgeknickt vor dem rauhen Winde nieder. Weil es eben nicht aus dem vorgeschrittenen Leben der Gesammtheit erwuchs, weil es mehr aufgedrangt als unabweisliches Bedürfniß war: darum konnte es auch nicht bestehen. Aber es ist ein großer Sturm über Ungarns Marken hinweggegangen, der den Boden furchtbar durchwühlt hat. Ec ist vorübergegangen — aber nach einem solchen Sturme ist die Lage, ist die Beschaffenheit eine andre, als vor ihm. Solch ein Sturm schleudert in Stunden weiter, als in ruhigeren Zeiten Jahrzehende tragen. Ec hat auch die ungarischeJudenheit weit hinweggerissen von den uralten Grundlagen. Ihr seid anders geworden, es ist mit Euch anders geworden. Der Donner, den Ihr gehört, hat Euch geweckt, die Blitze, die Eure Lüfte durchzuckten, haben Euch erhellt, haben durch ihre elektrischen Schlage Euch aus alter Abspannung betroffen. Es ist eine neue Zeit für Euch angebrochen — und es ist jetzt die Frage, ob Ihr sie begreift, benutzt, verwirklicht. Würdet Ihr dies nicht thun, so würde ohnfehlbar eine dichtere Finsterniß über Euch zurückkehren, als in der Ihr je gelebt; Ihr seid mitten in die Gesellschaft hineingestellt worden — fürwahr, ein Rückschlag würde sehr verderblich werden. Was aber nun das Wesentliche ist, das ergiebt sich aus dem Vorhergehenden. W«s in der ungarischen Judenhelt bis jetzt geschehen, ging, von Einzelnen aus, waren Versuche Einzelner, die mißlingen mußten. Jetzt muß Alles von der Gesammtheit ausgehen, für die Gesammtheit geschehen, nach d»en Bedürfnissen der Gesammtheit bemessen werden — dann ist seine Zukunft sicher. Nein, nicht einmal einzelne Gemeinden genügen, das Werk geistiger Verjüngung auf Grundlage tüchtiger Institute zu bewirken; auch dann würde Gemeinde der Gemeinde gegenüberstehen — smdern nur bie gesammte jüdische Gemeinde Ungarns. Hierzu aber ist wieder nothwendig, daß die Gesammtheit sich wieder organisire, daß eine gewisse Organisation die gmze ungarische Synagoge begreife. Und dies ist allerdings der wichtigste Schritt, ohne welchen aber auch Nichts» gelingen kann. Wird dieser nicht gethan, nun, dann lasset ab — denn alles Andre ist doch nur „Haschen mch Wind". Ich weiß sehr wohl, daß solcher Organisation der Landessynagoge zwei Extreme gkzenübertreren. Von der einen die radikalen Orthodoxen, weil überhaupt jeder Schritt aus dem Alten heraus wider ihre Interessen und Ansichten lausen; von der andern die radikalen Reformer, weit sie jede umfassende Organisation als ein Hinderniß auf ihrem Wege anschen. Aberist es wahr, daß das Dasein irgend eines Verbandes, überhaupt jedwedes Dasein niemals auf den Extremen beruhen kann, weil das eine in der Konsequenz zum Tode, das andre in der Konsequenz zur Auflösung führe« muß: so muß der Widerspruch jener beiden Extreme gerade für die Unertaßlichkeit der Organisation der Gesammtheit sprechen. Ich kenne auch, was man Letzterer er tgegenzustellen pflegt: kn derselben könne es nicht fehlen, Laß sich ein administratives Moment herausbildet, daS zuletzt den Fortschritt fesselt. Allein ein Anderes ist, den Gesammtfortschritt erst bewirken, ein Anderes ist es, einen mächtigen Hebet zu haben, um die ganze Masse gleichmäßig fortzubewegen. Dieser Hebel kann nur i» der Gesammtheit gefunden werden, die jedenfalls, ri«i Etwas zu vermögen, organisict sein muß. Eine andere Betrachtung fuljitt nicht minder darauf. In der unendlichen Zerstreuung Israels gab die jüdische Ortsgemeinde überall den Mittelpunkt der Erhaltung ab.