Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1850)
- Date
- 1850-07-29
- Page
- Seite 434 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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434 Da nun die Heilung einige Wochen andauerte, und der Verwundete lange Zeit ohne sich bewegen zu dürfen im Bette zubringen mußte, so machte es sich wie Don selbst, daß Schlemiehl dasWarteramt übernahm und höchstens mit der Tochter theilte. Er wachte die Nächte am Lager des Kranken, half bei dem Verbände, reichte ihm die Arzneien und Erquickungen, machte die kleinen Besorgungen für die Familie und sich überhaupt so nützlich und unentbehrlich wie möglich. Als der Verwundete sich wieder erholt hatte, so glaubte unser Freund noch ein Mehreres thun, und ihn unterhalten zu muffen. Sein Talent, daß er nach und nach nur durch eine Jntrigue verkannt und zurückgedrängt glaubte, sollte hier glänzend wieder hervortreten. Er bat daher um die Erlaubniß, Etwas vordeklamkren zu dürfen. Hier in einem kleinen Kreise, auf dessen Wohlwollen er den gegründetsten Anspruch hatte, mußte eine Würdigung feiner Gaben sehr natürlich sein. Aber, siehe! es kam anders. Nachdem eine Piece gesprochen war, siel ihm schon das Stillschweigen auf, das nach Beendigung auf den Lippen der drei Zuhörer ruhen blieb. Er griff daher schnell zu feinen Prachtstücken, und „das Leben ein Traum" und „Wilhelm Teil" sollten die ausgebliebene Bewunderung schnell hervorzaubern. Aber mitten im zweiten Monolog winkte der Patient, und bat aufzuhören, da seine Nerven zu angegriffen seien, die Mutter hatte sich zu einer häuslichen Beschäftigung entfernt, und auf dem Gesichte des Mädchens kämpfte sichtbar eine kaum bezwungene Lachlust mit dem Bedauern, einem um sie so verdienten Menschen das erwartete Lob nicht spenden zu können. Dieser Vorgang wirkte auf unfern Freund mehr als alles Frühere. Obwol mit großem Schmerz trennte er sich von allen früher gehegten Hoffnungen, und gab das Deklamiren und Zmproviflren — nein! nicht ganz auf, trat aber von nun an allein da auf, wo er parteilose und stumme Zuhörer hatte, die vier Wände seines Kämmerleins oder die einsamen, schattigen Söhne des Waldes. 9. Wer war denn die Familie, welcher unser Held so große Dienste geleistet hatte? Unser Leser entschuldige, wenn wir ihn bis jetzt im Dunkel darüber gelassen. Sie sollte aber einen zu tiefen Einfluß auf das Leben Schlemiehls üben, als daß wir nicht nunmehr darüber Aufschluß geben müßten. Daß die Familie eine jüdische war, setzte der Leser wol schon voraus. Warum? Man kann hier sehen, wie die großen Prinzipien, welche die Gesellschaft beherrschen, ihre Wirkung bis in die kleinsten Kreise hinein üben, und ihre letzten Ausläufe im Glück und Unglück der geringsten Individuen haben. Ware es keine jüdische Familie gewesen, so braucht man sich die Figur Schlemiehls nur zu vergegenwärtigen, um zu errathen, daß, als die Stunde der Gefahr vorüber war, man ihm mit allem möglichen Danke den Abschied gegeben hätte. Man hatte einen christlichen Wärter gesucht und gefunden, und des jüdischen Jünglings immer in Liebe gedacht. Da man aber dies nicht that, da man Schlemiehl festhielt, und ihm nur am andern Morgen einen neuen Anzug reichte mit der Bitte, sich desselben zu bedienen, einen Anzug, worin er sich nach Möglichkeit stattlich ausnahm und jedenfalls nicht allzusehr aussiel — so mußte es eine jüdische Familie sein. Auf dem Krankenbette giebt es Stunden der Langeweite, die man mit mit allem Möglichen gern ausfüllt. Was natürlicher, als daß der Patient nach und nach uuserm Freunde seine Lebensverhältnisse und Lebensgeschichte abfrug und geschildert erhielt. Als nun der Kranke ganz genesen war, da trat er jenem mit dem Anerbieten entgegen — ihn zu begleiten. „Damit Du endlich weißt, lieber Junge, mit wem Du es zu thun hast: ich bin Arzt in N., ein, ich kann sagen, viel gesuchter Arzt. Du bist eine treue Seele, Du bist nicht ohne Anlagen, die nur vernachlässigt blieben, Du hast mir schon in's Handwerk gepfuscht, an mir selbst und zu meinem großen Glücke, also ... zu verlieren hast Du hier, wie es mir scheint, sehr wenig, also ... komm mit mir, Du sollst mir sehr willkommen sein... „Und was soll ich bei Ihnen, lieber Herr Doktor?" „Was Du willst. Ich habe die Absicht, Dich noch unterrichten zu lassen, dann Dir selbst möglichst viel Anweisung zu geben, und wenn Du auch nicht Arzt werden kannst, könntest Du Dich doch zum Chirurgen bilden, und so einmal eine recht angemessene Stellung im Leben erreichen. Was Du dazu bedarfst, soll meine Dankbarkeit mit Freuden Dir gewahren...." Schlemiehl antwortet nicht. „Hast Du hierzu keine Lust, kannst Du in meinem Hause vornehmen, was Du willst: Etwas wird am Ende daraus werden... Schlemiehl antwortete nicht. Ju ihm kämpfte es