Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1850)
- Date
- 1850-07-29
- Page
- Seite 433 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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433 ten seine Sinne im Schlummer sich, vielleicht wandelten schon angenehmere Gestalten, als die Wirklichkeit ihm bot, um seine träumende Einbildungskraft — plötzlich schlug ein Hilferuf an sein Ohr. Er wiederholte sich in kurzer Zeit. Schtemiehl fuhr auf, schüttelte den Schlaf von sich; hatte er geträumt oder war es wirklich so? Da vernahm er ihn zum dritten Male. Schnell erhob er sich, griff nach seiner Elle und eilte der Gegend zu, von wannen derNothruf gekommen zu sein schien. Ein abermaliger leitete ihn. Er arbeitete sich durch das Gestrüpp, er klimmte eine Höhe hinauf und hinab, da hörte er es ganz nahe stöhnen und jammern; er drang durch — siehe da trat gerade der Mond etwas aus den verschleiernden, jagenden Wolken, er konnte dm Platz überschauen. Ein Reisewagen war umgestürzt, die Räder und Axe gebrochen, ein Pferd war gestürzt, das andre stand ruhig, im Geschirr verwickelt; neben den Pferden stand der Kutscher rathlos und stumm. Aber aus dem Boden lag auch ein Mensch, wie es schien ein Mann in den besten Jahren. Er mußte aus dem Wagen gefallen sein, lag bewußtlos, und eine kleine Rinne Blutes zeigte, daß er verwundet sei. Mit dem Manne beschäftigt waren zwei Frauen, die eine eine Matrone, die andre ein junges Mädchen, fast noch Kind; die Erstece jammerte und rang die Hände, das Letztere lag über den Mann fast ausgestreckt und stieß von Zeit zu Zeit das Geschrei um Hilfe aus. Das Rauschen des Gebüsches, als Schlemiehl hindurchtrat, lenkte die Aufmerksamkeit der beiden Frauen auf ihn; sie wandten sich an ihn mit dem Rufe nach Hilfe und Rettung. Schnell war der Bericht des Unglücks abgestattet. Der Kutscher hatte in der Dunkelheit den rechten Weg verfehlt, war immer tiefer in den Wald gerathen, bis er völlig von einem Wege abgekommen; plötzlich sei der Wagen in die Tiefe gerollt, umgestürzt, und die Folgen lagen hier vor ihm. Schlemiehl stand wie angedonnert; aber plötzlich, als er auf das jammernde Mädchen blickte, die unaufhörlich: „rettet meinen Water, meinen Vater!" schrie, kam ihm die Besonnenheit. Im Nu war er davon, zu einer nahen Quelle geeilt, die ihm zu seinem schmalen Abendbrod verholfen, hatte in seiner Mütze Wasser geschöpft, eilte zurück, begoß mit der kalten Flüssigkeit das Gesicht des Verwundeten, flößte ihm einige Tropfen in den halbgeöffneten Mund. Dann ließ er das Mädchen sich niedersetzen, legte den Kopf des Bewußtlosen in ihren Schooß, und wiederholte das Begießen des Wassers. Da öffnete der Verwundete die Augen, und ein schwaches „Ach, verkündete das zurückgekehrte Leben. Nach einiger Zeit konnte derselbe angeben, wo er Schmerzen empfand. Seine Hüfte war ihm ungeheuer geschunden, und den rechten Arm glaubte er gebrochen. Was sollte nun geschehen? Das Einzige was unser Freund wußte, war, nasse Lappen auf die verwundeten Stellen legen, und für den Arm ein Tuch um den Hals zu einer Schlinge knoten. Bald hatten die Frauen das Nöthige herbeigeschafft und Schlemiehl vollbracht. Zum Glücke war ein Dorf nicht allzuweit entfernt. Der Kutscher mußte das gesunde Pferd abspannen, und nun geleitete Schlemiehl Beide durch den Wald nach dem Dorfe. Hier wurden einige wohlwollende Bauern, die jener kannte, geweckt, ein Leiterwagen mit dem Pferde und einem geliehenen bespannt, einige Bündel Stroh und Betten darauf gelegt, und so zurückgekehrt. Zwei Stunden waren darüber verflossen, wahrend die Verunglückten im Walde allein geblieben. Welche schreckliche Stunden für diese! Endlich war der heißersehnte Retter wieder angelangt. Der Verwundete, der sich unterdeß etwas erholt hatte, wurde auf den Wagen gehoben und so sanft wie möglich gebettet; die Effekten aus der zerbrochenen Kutsche genommen und auf dem Wagen befestigt, jene dem Kutscher zur Weiterförderung und Wiederherstellung überlassen; und nun ging es mit dem anbrechenden Morgenroth nach der, drei Stunden entfernten Stadt. Der Wagen fuhr langsam voraus, an der Seite ging das Mädchen, die ihren Vater nicht aus den Augen lassen wollte, es folgte die Frau am Arm des Schtemiehls. Ach, derselbe fühlte sich so froh, trotzdem er den Schmerz der Familie theilte! Er hatte ein gutes Werk gethan — war dies nicht ein Sonnenstrahl der gütigen Vorsehung? — ein gutes Werk, das ihm das höhnische Pfeifen der blöden Menge nicht streitig machen konnte — er fühlte den Berus, 'sich für die Verunglückten noch ferner hinzugeben ... welche Seligkeit! Wie führte er so sorgfältig das gebeugte Weib, und bat sie, sich nur recht auf ihn zu stützen — wie rief er dem Mädchen zu, wenn sie, das Auge auf ihren Vater gerichtet, in Gefahr war, in eine Lache zu treten oder an einen Stein sich zu stoßen! . . . So gelangten sie zur Stadt, und Schlemiehl, der wot gemerkt hatte, daß seine Schützlinge von gutem Stande waren, führte sie nach einem paffenden Hotel, und eilte, nachdem sie hier untergebracht waren, nach einem Arzte.