Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1850)
- Date
- 1850-07-29
- Page
- Seite 435 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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435 sichtbar; sein Kopf neigte sich, seine Brust hob und senkte sich, seine lange» Hände falteten sich. Der Doktor beobachtete ihn, und wartete ruhig das Ergebnis ab. Endlich stieß er mit Anstrengung di« Wort« heraus: „Und meine arme Mutter?..." „Nun, Freund, der setzen wir ein kleines Monatsgeld aus, wovon sie allein leben kann...." „Ach, das ist es nicht allein. .." und seine Augen füllten sich mit Thranen. „Du kannst ihr aber so mehr nützen, als hier, und wirst ihr einst eine bessere Zukunft bereiten...." „Ach, das ist es doch nicht allein ... Herr Doktor, wer wird sich des armen Weibes annehmen, die allein so ohne Hilfe ist? Wer wird ihr des Morgens ihren Kaffee kochen und Frühstück holen und vor's Bett bringen? Wer wird ihr Wasser holen und Holz spalten? Wer wird ihr das Bett machen und die Stube fegen? Wer wird, wenn sie krank'ist, sie pflegen? Wer wird mit ihr plaudern und ihre Geschichtchen anhören? Wer wird sie am Sabbat in die Synagoge führe» und ihr im Gebetbuch aufschlagen, was sie zu beten hat, denn sie vergißt das immer wieder? Ach, wer wird mit ihr leben und sie lieben?... Jetzt hat sie ja nur mich, und alle Anderen spotten ihrer nur...." Die Thranen rollten dem armen Burschen die Wangen herab. Der Doktor kreuzte die Arme. „Nein, und wenn mir das größte Glück winkte, ich kann sie nicht verlassen, denn sie ist dann ganz verlassen, und würde wol umkommen...." „Und willst Du denn Deiner ganz vergessen, guter Mensch? Was soll hier aus Dir werden, wo Niemand Dich achtet, Niemand Deiner achtet?" Das Wort durchzuckte unfern Freund mächtig. „Hier gehst Du verloren, und Deine Zukunft wird immer düstrer und düstrer werden." „Ich weiß das wohl, ich fühle, daß ich zu etwas Andcrm geschaffen bin ... wer hat sich aber denn meiner angenommen, als ich Kind war und mein Vater davongegangen. Die Paar Blümchen von Freude, die auf meinem Wege wuchsen, habe ich sie nicht durch meine Mutter gehabt ... ach, das Leben ist ja leerer Traum ... wenigstens mein Leben...." „Nun, Freund! ich will Dich nicht drängen, überleg es Dir. Vielleicht kann auf andre Weise für Deine Mutter gesorgt werden. Vielleicht kann sie in eine freundliche Familie gebracht werden. Nach einigen Zähren kannst Du vielleicht zurückkehren, und als ein rechter Mann. Ich had' es gut mit Dir vor, bedenk es wohl.... Uebrigens macht Dich Deine kindliche Liebe nur um so achtenswerther in meinen Augen." Schlemiehl kämpfte einen großen Kampf. Damals war es, wo er, nach Monaten, wieder zu mir zurückkehrte. Des Vergangnen wurde nicht gedacht, sondern nur die Zukunft erwogen. Meine starke Phantasie bemächtigte sich freudig des Gegenstandes. Schlemiehl stand alsbald als Doktor, als bedeutender, gesuchter Arzt vor mir. Wenn ich nicht irre, sah ich ihn schon mit Kutsch' und Pferden vor mir vorüberfahren. Zch malte ihm dies mit starken Farben aus. Wie würden unsere Feinde dann beschämt sein. Stundenlang müßten sie im Vorzimmer Schlemiehls warten, der dann triumphirend eintrate und sie mit Wohlthate» überschütrete. Jetzt war die Sache entschieden. Schlemiehl ging mit. Seine Mutter wurde in dem Dachkämmerchen bei den Leuten untecgebracht, wo ich sie nach so vielen Jahren noch jetzt gefunden. Den Abschied schildere ich nicht.... ^Fortsetzung folgt.) Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen 1*/* Ngr. (1 gGr.) Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petitschrift oder deren Raum so wie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Vertagshandlung. Ern unverheirateter Mann, der die Funktionen eines Lehrers, Kantors und Schächters übernehmen kann, findet zum September eine Stelle bei der israelitischen Gemeinde zu Lürhorst. Reflektanten wollen sich recht bald in frcrnkirten Briefen melden bei dem Unterzeichneten Borstand. Lüthorst bei Eimbeck, den 4. Juli 1850. S. Rosenfiein. Vakanz. Die Lehrer- und Kantorstelle in hiesiger Gemeinde ist vom 1. November d. I. ab vakant. Qualisizirte Bewerber, welche einen zeitgemäßen Gottesdienst, so wie deutsche religiöse Vorträge zu halten im Stande sind, wollen ihre Anträge, unter Beifügung ihrer Zeugnisse, portofrei an uns baldigst einsenden. Das jährliche Gehalt exkl. der Nebeneinkünste beträgt 135 Thlr. und dürfte sich