Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1850)
- Date
- 1850-07-29
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
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427 alleinig« Sachkenntniß zuerkennt, zumal wenn gesetzliche, in alle Lebensverhältniffe tief eingreifende Gesetze darauf basirt werden wollen. Wir machen die sogenannten Laie» darauf.aufmerksam. Nun die Reisenotizen, deren Allerlei um so mehr Entschuldigung finden dürfte, als andere süddeutsche Korrespondenten dieses Blattes seit langer Zeit ein unerfreuliches Stillschweigen beobachten. Die Herren Rabbinen zu Dettingen und Wallerstein sammeln seit einiger Zeit Jünger um sich, die sie im Talmud ic. unterrichten. Wir anerkennen dies. Der Unterricht an Jünglinge, welche sich dem Lehrfache widmen wollen oder sonst Freude am Talmudstudium finden, steht unseren Rabbinen in Anbetracht ihres Amtes und ihrer disponibel« Zeit wohl an, zumal wenn es wie hier in uneigennütziger Absicht geschieht. Wenn sie aber diese jungen Leute zu einem exzentrisch aszetischen Leben hintreiben, wenn sich diese unsere künftigen Jugend- und Bolkslehrer nicht einmal in ihrer äußern Erscheinung der Zeit fügen und in einem augenfälligen lächerlichen Gebühren eine Ehre suchen *), so kann man dies im Interesse unsers Glaubens und unserer Glaubensgenossen nur tief beklagen. Unsere künftigen Lehrer sollen aus den Quellen selbst zu schöpfen vermögen, sie sollen tüchtiger im Hebräischen gebildet werden, als dies in der Neuzeit hin und wieder geschieht, und wer hiezu beiträgt, erwirbt sich ein großes Verdienst; aber sie sollen nicht in der Mißachtung des Zeitgemäßen eine Größe suchen, sie sollen nicht einseitig, sondern vielseitig, besonders pädagogisch tüchtig herangebildet werden! Im Württembergcrland ist eine Agitation gegen die israelitische Oberkirchenbehörde, von Mergentheim ausgehend, im Entstehen. Man möchte gern die Neuzeit ausbeuten, um auch in den württembergschen Synagogen die alte gute Unerdnung wieder heimisch *) Von deu Bachurim des Herrn Rabbiner- Weißkopf in Wallerstein wurde mir aus glaubhaftem Munde erzählt, sie ließen ihren Röcken einen eigenthümlichen runden Schnitt geben, um wegen sich keine Skrupel machen zu müssen. Bier trinken sie gar keines „von wegen tDin" und dergleichen Firlefanz mehr, mit welchen man sich weiland auf den Jeschibot tummelte. Ja bei einer Exkursion nach dem württembergschen Oberdorf fürchteten sie ihre Gewissen zu beschweren, wenn sie von der aßen, von welcher der dortige, strengstens orthodoxe Rabbine Herr G. Adler genießt. Korresp. zu machen. Hierin gehen gewiss« Leutchen gewaltig gern mit der Zeit. — In die gedachte Behörde ist Assessor Dr. Weil, gewesener Redakteur der Konstitutionellen Zeitung in Berlin, wieder als Mitglied zurückgetreten. — In Stuttgart haben sich zwei Aerzte, 1)0. Landauer aus Hürben und Dr. Binswangcr, der einen Ruf als Direktor einer Irrenanstalt in der Schweiz erhalten hat, geweigert, ihre neugeborenen Knaben beschneiden zu lassen und dadurch bereits viele amtliche Schreibereien veranlaßt. Müssen solche Erscheinungen jeden Jsraeliteu überhaupt betrüben, ben dem Fortschritt huldigenden verletzen sie doppelt, indem man ihnen und ihren Freunden von der Gegenseite hohnlächelnd zuruft: Seht! dahin führen Eure Reformen und schon aus dieser Rücksicht sollten jene Herren, die doch nach ihren Worten im Judenthum stehen und bleiben wollen, ihren Freunden und Feinden kein solches Aergcrniß geben. — In Ulm hat sich eine neue jüdische Gemeinde gebildet, deren Vorsteher Herr Advokat Dr. Heß ist. In dem dortigen Münster befindet sich ein jüdischer Grabstein aus dem zwölften Jahrhundert. Auch köstliches altes Schnitzwerk, besonders ein schöner Hiob, so wie kostbare alte Glasmalereien, unter anderen die Geschichte Davids darstellend. — Herr Rabbiner Dr. Güldenstem in Buchau hack daselbst nach erstandenem Professoralsexamen eine vielbesuchte lateinische Schule gegründet. Wieder nach Baiern zurückkehrend, erwähne ich des schönen israelitischen Schulhauses in der großen Gemeinde Jchenhausen mit vier Lehrern, von welchen einer das lukrative Geschäft einer Weinschenke betreibt, und der gut organisirten Kleinkinderschule des gemüthreichen Lehrer Ullmann, in dessen zweitägigem Umgang ich liebe Jugenderinnerungen noch einmal im Geiste durchlebte. Die dortige Synagoge fleht verfallen und abstoßend aus und nur wenn man einen Blick nach oben wendet, zeigen sich Spuren ehemaliger baulicher Schönheit. Harmonirend mit diesem sieht man noch hie und da ein „Breithäubchen" auf manch frommen Kopf. Bekannt ist, daß der Sohn des hiesigen Rabbiners, Herr Hochheimer, durch politische Verhältnisse veranlaßt nach Amerika geflüchtet und dadurch für Baiern und besonders die hiesige Gemeinde, wo er als Prediger zu wirken angefangen hatte, verloren gegangen ist. In dem Haus« des hiesigen Kaufmanns Herrn Neuburger findet man viele seltene hebräische und deutsche Werke, besonders verschiedene alte Bibel-