Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1850)
- Date
- 1850-07-22
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
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— wird auch die große nachtalmudische, ja man kann sagen nachbiblische Literatur der Juden erst eingebürgert auf dem Gebiete der Wissenschaft, und erlangt ihr viel verkanntes Recht. Folgen wir dem geschätzten Redner. Er beginnt mit der größer» Forderung, die auch in Oesterreich jetzt an die Wissenschaft gestellt wird, die jetzt auch dort frei geworden. So auch an „die semitische Sprachwissenschaft, dieser Schlüssel zu einer Literatur, die mit noch größerm Rechte und in noch höherer Bedeutung als selbst die altklass!sche den Namen Weltliteratur verdient, — die semitische Sprachwissenschast, diese Führerin in Kulturgebiete, die bereits zu einer Zeit in vollster Blüte prangten, da das unsterbliche Hellas noch im Kindesschlummer lag, — die semitische Sprachwissenschaft, die ihrem Besitzer nicht nur einen klaren Blick in den Entwickelungsgang dieses oder jenes vereinzelten Volkes gestattet, sondern ihn an die Wiege des gesammten Menschengeschlechtes versetzt und ihm die Kulturstufen zeigt, die dasselbe durchlaufen, bis es zu seiner physischen und moralischen Vollkraft herangereift — die semitische Sprachwissenschaft hat nur zu lange von Feind und Freund Unbill erfahren müssen." Den Umfang derselben bezeichnet er folgendermaßen: „Die Heimath des semitischen Sprachstammes ist Vorder- oder Westasien; zur Zeit seiner Blüte umfaßte er Palästina, Phönizien, Syrien, Mesopotamien, Babylonien und Arabien. Daß er auch in Assyrien, Kappadozien und Pontus geherrscht habe, kann jetzt mit ziemlicher Gewißheit verneint werden, wenn auch seststeht, daß schon frühzeitig Zweige von ihm in Aethiopien, Karthago, wie überhaupt in den phönizischen Kolonien Wurzel gefaßt haben. Rücksichtlich der Idiome, in welche der semitische Sprachstamm ausläust, treten an ihm drei Hauptzweige hervor: 1) dasArabische, wovon wieder als Nebenzweig — das Aethiopische, und als Abart mit starker romanischer Beimischung — das Maltesische; 2) das Kanaanitische in Palästina und Phönizien (in Ersterm unter dem Namen Hebräisch) — davon als Tochtersprachen: 3) vermittelst der Phönizier — das Punische, und b) vermittelst der Juden — das Neuheb räische oder Rabbinische (das übrigens eine stark aramäische Färbung hat und, namentlich seit dem M ittelalter, auch arabische Elemente in sich birgt); 3) das Aramäische in Babylonien und Syrien, in Erstermunter dem Namen Ehaldäisch, und in Letzterm unter dem Namen Syrisch, oderauch jenes als Ost- und dieses als Westaramäisch, wovon als verkümmerte Ableger — das Zabische und P a lm y r eni sch e. Endlich gehört zum semitischen Sprachstamme auch noch das Sa mar iranische, welches aber nur ein Mixtum aus dem Hebräischen und Aramäischen ist*). Das Interesse, das sich an die semitischen Sprachstamme knüpft, ist allerdings das religiöse. Zunächst macht aber der Redner auch das linguistische Interesse derselben geltend. Ec sagt: „Wenn wir aber auch zugeben, daß es zunächst das religiöse Interesse ist, dem die semitischen Sprachen (wir behalten diese einmal übliche Bezeichnung bei, trotzdem, daß wir ihre Ungenauigkeit nachgewiesen haben) die Verbreitung ihrer Kunde zu verdanken haben, so wollen wir doch hiermit noch keineswegs gesagt haben, daß diese Sprachen außerhalb des theologischen Gebietes kein Interesse darbieten. Grade der Umstand, daß die staatlichen und sozialen Verhältnisse der semitischen Völker nicht sehr komplizirt waren, hat deren Sprachen ihre Naturfrische und Ursprünglichkeit bewahrt, wodurch sie mehr noch als selbst die klassischen Sprachen zum Objekt allgemeiner Sprachphilosophie sich eignen. Dies gilt ganz besonders vom Althebräischen, das in seinem Organismus eine Einfachheit und Natürlichkeit, in seinen grammatischen Gesetzen eine Klarheit und Folgerichtigkeit, und in seiner Ausdruckswelse eine Prägnanz und Konzision zeigt, worin es von einer andern Sprache schwerlich erreicht, geschweige denn übertroffen werden dürfte. Und was der arabischen Sprache an letzterer Eigenschaft etwa abgeht, das ersetzt sie reichlich durch überschwängliche Fülle ihres Wurzelschatzes, durch Reichthum ihrer grammatischen Formen, und durch Biegsamkeit und Geschmeidigkeit ihres Wesens, in welchen Beziehungen sie selbst dem Altgriechischen nicht nachsteht. — Aber auch das Aramaische, dem unter den semitischen Sprachen erst der dritte Rang gebührt, nimmt mannigfache Vorzüge für sich in Anspruch, die es nicht nur dem Sprachforscher vom Fache, sondern auch jedem für Eigenthümlichkeit und Originalität Sinn Habenden sehr empfehlen. Namentlich scheint das Aramäische ganz zur Sprache der Mystik geschaffen zu sein. Es ist sicherlich kein bloßerZufall, daß die spätere Kabbala *) Als ein Beispiel, wie ein und dasselbe Wort in den verschiedenen semitischen Dialekten verschieden lautet, möge Folgendes dienen: „junges Grün" heißt arab. Äni, hebr. chald. NM (stat. emphat. inisrvi), syr. «inn, zab. (das sinn. steht isolirt).