Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1850)
- Date
- 1850-07-15
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
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399 frühester Kindheit eingesenkt worden, die Sitte, welche uns in der Jugend beigebracht worden, sie beherrschen uns im großen Ganzen durch das ganze Leben, und so gewiß Jedweder aus einem elterlichen Hause hervorgehen muß, so gewiß tragt er den Stempel des Charakters und der Gesinnung schon daraus mit davon. Und unsre Wissenschaft und unsre Kunst, und all die äußeren Mittel des Lebens, Gewerbe, Handel, Handwerk, selbst der Staat, die Gesellschaft, sind sie nicht allesammt geschichtlich Ueberkommenes, und aus diesem allmälig zusammengesetzt? Wohl verstanden, m. Fr., nicht daß nun Alles, was wir von den Vätern überkommen haben, und wie wir es empfangen haben, das allein Richtige und Giltige sei — nein! so wie keine Zeit ist, die nicht aus der Vergangenheit herausgewachsen und so das Ueberkommene in sich tragt, so ist auch keine Zeit, die nicht an dem Ueberkommenen zu ändern und weiter zu bilden, dies auszuscheiden, jenes hineinzuweben hätte. Darum ist die Ueberlieferung auch nur eine Quelle, aus der wir zu schöpfen haben. Nur daß wir uns nicht einbilden, wir wollten ein ganz Neues schaffen, wir wollten einen Strich machen durch die ganze Vergangenheit der Menschheit, und das hatte nun irgend einen Halt, irgend eine Gewähr, was wir da hervorbringen! Nein! wir müssen entgegennehmen, anerkennend entgegennehmen, was die ganze Vergangenheit uns entgegenruft, und wissen wir uns damit nach sorgfältigster Prüfung in Uebereinstimmung, dann wohl uns! Jedes Geschlecht der Menschen hat Etwas, worin es Recht hat, und Etwas, worin es irrt. Worin die Geschlechter alle übereinstimmen, was sie alle festhalten, vertheidigen, was sie alle begeistert, erhebt, stärkt, tröstet, und mag es noch so gering an Umfang sein— das ist Wachrheit für den Menschen. Sehen wir etwas naher zu. Aus ältester Vorzeit tritt uns im Mosaismus die Lehre vom einigen Gotte, Schöpfer des Himmels und der Erden, und das Gesetz der Sittlichkeit, nämlich der Heiligung der gottebenbildlichen Seele durch die Liebe, die Gerechtigkeit und die Versöhnung, entgegen. Anderthalb Jahrtausend bestanden diese so im Wechsel der Zeiten und der menschengeschlcchtlichen Zustande, da ergoß sich aus ihnen das Ehristenthum in das Abendland, und einige Jahrhunderte spater der Islam in das Morgenland, um, bei vielfachen Veränderungen und Umgestaltungen, doch einen großen Theil jener Lehre in die Menschenwelt Zu bringen, und so jenes bereits achtzehn, dieses zwölf Jahrhunderte zu wirken. Und wenn wir nun alle die zahllosen Sekten und Konfessionen, in die sich wieder jene Beiden, Christenthum und Islam, spalteten, mit Einem Blicke überschauen — haben sie nicht Alle dennoch Ein Gemeinsames, das sie Alle haben, und das sie Alle noch an die Mutter knüpft, von der sie ausgegangen, an die Religion Israels. Wolan, so ist es dies, woran wir uns zuerst zu halten haben, so ist es das Wort, was sie Alle bekennen, was sie mit der Mutter bekennen, welches wir als die von der gesammten Menschheit verbürgte Wahrheit voraussetzen müssen. Und wenn nach dem Worte unsers Textes ÄUes darauf ankömmt, zu erkennen, daß der Ewige Gort ist im Himmel und auf Erden, Keiner mehr — gut, so lasset uns mit dem Propheten „schauen auf den Fels, aus dem wir gehauen" sind (Jes. 51, 1.), auf die Gotteslehre, die wir empfangen haben, die, hierin unverändert, uns durch die Jahrtausende der Geschichte zuruft; ihr wollen wir anhangen, von ihr nimmer weichen! — II. Nachdem aber also unser Text uns auf die Geschichte, auf das, was in der Menschheit sich geschichtlich herausgebildet und überliefert hat, verwiesen hat, ruft er uns das inhaltceiche Wort zu: vi'N nyvn, „so erkenne heute". Zur Erkenntniß also fordert er uns auf, zur Prüfung und Forschung vermittelst der Erkenntnißkcaft unsers Geistes, vermittelst unsers Denkens, unsrer Vernunft. Und wie sollte es auch anders! Die Lehre von Gott kann nicht des Göttlichsten in unserm Geiste, des Denkens entbehren. Vergebens rufen da Etliche zu: Ihr sollt nicht erkennen wollen, Ihr sollt glauben! Im Gegentheit: der Mensch kann gar nicht glauben, ohne zu denken, also zu erkennen, es ist dann kein Glaube, es ist todter Buchstabe, den er nachdetet. Aber dieses Wort der Schrift „so erkenne heute" trennt uns von diesen durch einen weiten Graben, welche gar keine Prüfung, keine Sichtung des Geschichtlichen, sondern blinde Annahme desselben fordern; aber scheidet uns ebenso durch eine breite Kluft von denen, welche wiederum alles Ueberlieferte verwerfen und nur annehmen wollen, was sie mit eignem Denken gefunden zu haben vermeinen oder auch — doch das sind Wenige — finden. „Vermeinen" sage ich, denn in tausend Fällen gegen einen wiederholen sie ja doch nur, was ihnen aus der Schcisttehce übergeben worden, was sie aus dieser schon in den ersten Tagen ihres Lebens empfangen haben. Nein! Wir rufen den