Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1850)
- Date
- 1850-07-15
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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398 wenn Monde, Jahre vergehen, bevor er sie wieder begrüße mit dem alten Gruße der Vater: 'ti üttJS 82N ^1-12 „gesegnet ist, wer da kömmt im Namen des Ewigen!" und „Friede sei Euch!" — — Monde, Jahre, wie flüchtig im Wandel, aber wie inhaltreich und bedeutsam für die, deren Tage doch nur gezahlt sind — — dann kann er nicht irgend Etwas herausgreifen wollen aus der Vorrachskammer des gewöhnlichen Lebens, das er ihnen zeige im Lichte der Religion; dann muß er auf das Höchste, Bedeutendste sein Ziel stellen, nsnb N21721 um Weisheit und Zucht kennen zu lehren (Spr. Schel. 1, 2.), um das Wankende zu stützen, das Schwache zu starken, das Starke zu befestigen; da muß er, wenn er's vermag, tief einsenken die Pflugschaar des Wortes, und emsig streuen die Aussaat der Gedanken, daß noch längere Zeit an den Früchten zehren könne, wer zehren will. Und, m. Fr., welche Zeit wäre gerade hierzu mehr angethan, als die Unsrige? welche bedürfte dessen mehr? Wo ist denn in unsrer Zeit ein Mensch, der von sich sagen dürfte: bei dem furchtbaren Andrang der Ereignisse, bei dem massenhaften Sturme der Ansichten, ich bin nie wankend geworden, in mir stiegen nie Zweifel und Fragen auf, ich stand stets wie der Fels, um den das Meer brandet, unerschüttert?... Und wenn wir, m. Fr., geradezu das Gebiet betreten, auf dem wir hier stehen, die heilige Flur der Religion, der Gotteslehre, der religiösen Erkenntniß und der religiösen That — wann war denn wol eine Zeit, in welcher auf demselben die Zerrüttung und Wirre eine größere gewesen, als gegenwärtig? Auf der einen Seite diejenigen, welche sich fest anklammern an Alles, was die Vorzeit überliefert hat an Glauben und an Satzung, an Buchstabe und Gebrauch; dann diejenigen, welche die Satzung und den Gebrauch, bald mehr, baldweniger, bald ganz und gar als die Schale von sich weisen, aber den Kern, die seit Jahrtausenden überlieferte Lehre und das Gesetz der Sittlichkeit mit aller Kraft des Geistes festhalten; auf der andern Seite die, welche auch diese verwerfen, und, allein sich zu stützen vorgebend auf die Kraft des eigenen Geistes, sich mühsam eine Ueberzeugung aus der Natur zu erringen vermeinen, und endlich auch abseitens dieser die, welche in der unendlichen Schöpfung nur dasErzeugniß ihveKDenkens erblicken, oder Nichts zugeben als die Nothwen d i gkeit des Seins, weit es ist.... Wohl, m. Fr., in solchen Wirrsalen, wo uns die sonderbarsten Erscheinungen entgegentreten, wo der Eine Alles binden, der Andre Alles lösen will, die Einen dem Einzelnen gar kein Recht der Prüfung zugestehen, die Anderen alles Gemeinsame verdammen und nur dem Einzelnen den Bestand und die Berechtigung zuerkennen, wo dann an Jeden unwillkürlich und selbst unbewußt die Frage tritt: was glaubst Du denn eigentlich? und was Du glaubst, worauf stützt es sich? nun, da lasset auch uns diesem Rufe folgen, und diese Stunde der Erwägung widmen: welche sind denn die Fundamente unsrer religiösen Ueberzeugung? welche sind die Quellen, woraus wir überhaupt zu schöpfen haben, um zu einer religiösen Ueberzeugung zu gelangen, und diese dann zu umfassen mit allen Armen unsers Daseins, den inneren im Geiste, den äußeren im Leben? Ja, und hierzu ruf ich Euch die Worte der Schrift zu (5 Mos. 4, 32. 39.): „So frage doch die früheren Tage, die vor dir waren, von dem Tage an, da Gott den Menschen geschaffen auf der Erde, und von dem einen Ende des Himmels bis zum andern — so erkenne heute, und führ' es dir wohl zu Herzen, daß der Ewige Gott ist im Himmel droben und auf Erden drunten, Keiner mehr." I. Worauf wir uns zuerst zu stützen haben, was das erste Fundament unserer religiösen Anschauung ist und sein muß, das ist, ich sage es ohne Scheu, so sehr unsre Zeit dem auch zu widersprechen liebet, das ist die Geschichte; das ist die Uebertieferung, wie sie in der Menschheit von Geschlecht zu Geschlecht, wie sie namentlich in Israel seit vier Jahrtausenden lebendig ist. „Frage doch die früheren Tage, die vor dir waren", rufet unser Text dem zu, der die Erkenntniß suchet, und „gedenke der Tage der Vorzeit, betrachtet die Jahre der vergangenen Geschlechter, frage deinen Vater, er wird es dir verkünden, deine Aeltesten, sie werden es dir sagen", rufet Mosche den Edelsten seines Stammes in seinem letzten Sange, eine Stunde vor seinem Tode zu. Die Menschheit, m. Fr., baut sich auf der Geschichte auf, so im Geiste, so im Leben; und vergebens wollen wir leugnen, welche Gewalt das Ueberkommene auf uns übet, und vergebens wollen wir leugnen, daß die größte Sicherung, die wahrhafte Stütze auch für die Erkenntniß und Ueberzeugung in dem liegt, was die Menschheit seit dem Beginn ihres Bewußtseins getragen und entwickelt hat. Die Meinung, die uns in