Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1850)
- Date
- 1850-07-08
- Page
- Seite 394 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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394 Dennoch überkam mich, als ich mich hinter den Ofen auf einen Absatz desselben gestellt hatte, von wo aus, ohne gesehen zu werden, ich Alles sehen konnte, eine Unbehaglichkeit. Ich sah das Publikum ziemlich in zwei Halsten getheilt, auf der einen Seite die jungen Herrchen, denen ich nicht Unbefangenheit genug zutraute, um die Schönheiten unsrer Vorstellung genügend zu würdigen, und wenige Damen; auf der andern Seite wenige Herren und sehr viele Damen. Was mir noch mehr aufsiel, daß sie Alle so die Köpfe zusammensteckten, ebenfalls in zweien Parteien, zusammen tuschelten, unter eineinander liefen und sich zu verabreden schienen. Trotzdem der Ofen kalt war, da schon mildes Wetter, und wir die Heizung sparen wollten, lies es mir doch brühheiß über den Rücken; bald blickte ich beruhigt rechts auf die Frauenseite, bald voll Furcht und Ingrimms links auf die Herrenseite.... Doch ich schreibe ja nicht meine j Biographie — daher zu ihm, zu meinem Freunde, zu! meinem Helden.... i Er trat auf. Halt! wie könnt' ich nur so dumm j sein — jetzt erst siel es mir auf, daß er eine andere j Kleidung hatte haben sollen: er hatte seinen braunen Frack und blaue Hosen an.... Doch die Welt war so an diese bestimmte Erscheinung gewöhnt, daß sie ihn gar nicht anders erwartete. Er trat auf, und machte eine Verbeugung. Sie hatte etwas graziöser sein können, die Beine standen gar zu eingewurzelt, und die Ellenbogen zu schief, und der Kopf wackelte zu sehr. Die linke Seite des Hauses empfing ihn mir lautem Gelächter, die rechte Seite mit noch lauterm Beifallklatschen. Schlemiehl begriff die Situation, warf links einen grimmigen Blick zu, was ihm um so leichter war, da er mit dem linken Auge schielte, und verbeugte sich rechts, die Hand auf dem Herzen. > Das war geschickt. Gesteigertes Beifallklatschen rechts: j die Jugend schwieg beschämt. j Unser Held erhob das Buch, und begann den ersten ' Monolog: | „Der verborgene Prinz in der Einsamkeit."! „Hier stehe ich in meiner blauen Jacke —" | „Braun", schrie ein tölpelhafter Bursche mitten aus der! Linken dazwischen. „Still! still!" zeterte es von der rech-! ten Seite.! Schlemiehl schaltete ruhig, aber im Tone seines Deßlamatoriums, ein: „Der Dichter sagt „blau", und was! der Dichter sagt, sage ich auch." Er begann von Neuem: „Hier stehe ich in meiner blauen Jacke, Von grünen Bäumen rings umgeben, Wie rothes Feuer brennt's mir in der Brust, Und ist doch wie die Lilie weiß die Unschuld"- Ich käuete an den Nageln, denn dieses Anbringen aller Farben schien mir ein großes Kunststück, eine cspwtio denevolenliae für den Dichter. Alles war still. Schlemiehl hob die Stimme höher. „Gelb, gelb ist nur der gift'ge Neid —" Das sprach mein Freund mir gellender Betonung, und blickte dabei links, was sehr übel einwickte, denn man sing da an zu murren. Doch er ließ sich nicht einschüchtern, und wiederholte lieber: „Gelb, gelb ist nur der gift'ge Neid, Und ich verspüre Nichts von Neid in mir. Sprecht, Butterblumen auf der bunten Au, Was ist es, was mich treibt und drangt? Warum kann ich in meiner Kammer Nicht ruhig sitzen bei dem Glase Wasser Und dem geliebten Butterbrod —" Wie süß und sehnsüchtig drückte dies mein Freund aus, indem er selbst die Augen zudrückte. „Da mag das Ungewitter sich am Himmel sammeln, Damit ich mich nur coth zu weinen hätte, O daß die Erde ihren Rachen öffnete, Ein Waffersturz mich niederstürzte, Was klag' ich? Stürzt, ihr Berge, Ihr Hügel, bebt, ihr Wolken, berstet, Und ladet euren Grimm aus auf die schlechten Menschen" — — Schlemiehl schielte wieder links, man murrte heftiger. „Mein Lehrer ist so gut mit mir, Doch sie, die Frau, hat sie nicht jüngst Mir eine tücht'ge Ohrfeige gesteckt. Als ich ein Wenig von den Kirschen naschte.... Mir, mir . . . ha, Wuth, wie kochst du! Ha, Grimm! die Weste reißt mir bald, Die meines Zornes Feuerflamme deckt!... Doch, was beginn' ich? schweigen muß ich . . . O warum kann ich nicht wie andre Knaben? Knippkugeln spielen, welche Lust! Die Melle, Wanten, Ball . . . ha, welche Lust. . . Und ich, ich habe keine Ruhe? Mich treibt es, wo der Bach zum großen Sumpf Hinwallt, darin ich stecken bleibe. Daß ich nicht weiter kann . . . O daß ich da versänke!"