Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1850)
- Date
- 1850-07-08
- Page
- Seite 393 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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393 einziges feines Kompliment Hervorbringen konnte! Ja, sie fürchteten, daß seine großartige Wirkung von den alten Damen auch auf die jungen übergehen könnte — denn Enthusiasmus ist ansteckend — und daß er Eroberungen machen könnte, die ihnen abgewonnen waren. Und da nun Alles in der Wett Instinkt hat: so fanden sich die Jünglinge bald zusammen, und beschlossen gemeinsame Opposition zu machen, und Schlemiehl bei erster Gelegenheit zu Falle zu bringen. Wir beiden Verbündete ahneten von dieser aufsteigenden Gewitterwolke Nichts. Wahrend wir jubelten, wenn die Phalanx unserer Gönnerinnen immerfort wuchs: wußten wir nicht, daß auch eine Allianz von Feinden bestand und Glieder warb und sich immer mehr stärkte und schon ihre Minen anlegte, welche die Mauern unsrer Festung in die Luft sprengen sollten. Endlich waren die Monologe sammtlich fertig, aus denen unser Trauerspiel sich zusammengliederte. Es war von uns gelesen, geändert, nochmals gelesen, verbessert worden, bis wir uns gestanden, mit Thränen in den Augen gestanden, es sei nun unverbesserlich, und was Schöneres gebe es gar nicht. Schlemiehl, der eine ganz schöne Hand schrieb, brachte es in zwei Reinschriften: Dichter und Darsteller waren versorgt. Jetzt aber erhob sich die erste Schwierigkeit: Schlemiehl sollte die zwei Dutzend Monologe auswendig lernen, und das ging nicht, kaum daß er es zu zwei Dutzend Versen brachte, und diese aus allen zusammen. Nach monatelangem Brüten gestand er mir, abermals mit Thränen in den Augen, diesmal aber mit anderen — es ginge nicht. „Aber halt!" sagte ich, nach mehrmaligem Seufzen und langem Nachdenken, „das macht ja bei der Eigenthümlichkeit unsres Stückes gar Nichts aus! Freund, wir wollen ja kein Schauspiel aufführen, sonst müßten wir ja auch Kulissen und Dekorationen haben — und Du bist ja kein Schauspieler: Du trägst aus den Blättern vor, wie eine Konzertsängerin vom Blatte!"... Ein Stein wälzte sich vom Herzen meines Freundes. „Gut, das ist ein trefflicher Gedanke, und Du sollst sehen, ich richte desto mehr Aufmerksamkeit und Kraft auf die Deklamation, und das wird helfen." Ich studirte daher mit meinem Freunde das Stück ein, und der arme Junge strengte sich so an, daß ich mich überzeugt hielt, wir würden einen glanzenden Sieg feiern, wenn es sein Brustkasten aushielt, und diese Furcht war, da er doch immer Schlemiehl war, nicht ganz ungegründet. Endlich glaubten wir, daß des Guten genug geschehen und die Zeit zum Hervortreten gekommen sei. Wir sahen uns nach einem Saale um, und schrieben nun eine Ankündigung, die Schlemiehl selber in den befreundeten Häusern herumtrug. Billets zu verkaufen, waren wir doch nicht kühn genug, ebenso wenig das Stück im „Wochenblatt" anzußündigen. Es sollte Jeder nach Belieben Eintrittsgeld geben, das natürlich allein unserm Helden zufallen sollte. Ich begnügte mich mit der Ehre, noch in früherm Alter als Hugo Grotius in dieOeffentlichkeit zu treten. Es war auch bald Alles überflüssig, denn es meldeten sich so Viele, daß der Saal sie kaum würde fassen können. Weil wir nun unsres Triumphes so völlig sicher warm, beschlossen wir, statt des Eintrittsein Austrittsgeld zu verlangen, weil der hervorzurufende Enthusiasmus eine größere Freigebigkeit bewirken würde, und wir so jedenfalls viel uneigennütziger erschienen. War doch der Titel unserer Tragödie auch anlockend genug: „Der erkannte, vertauschte, verwechselte und verlorene Prinz, Tragödie aus vierundzwanzig Monologen"!! Endlich erschien der 29ste Februar, den wir, als Besonderheit, zum Tag der Darstellung gewählt hatten. Wie schlichen die Stunden so langsam, und ich kann sagen, recht qualvoll hin! Zwar besuchte ich die Schule, aber ich lebte voller Angst, ein Mitschüler oder Lehrer harte erfahren, daß ich der Verfasser des Drama's sei. Ueberall horchte ich hin, mit stets wechselnder Farbe, ob der oder jener eine Anspielung, oder gar einen Hohn vorbrächte; mehr als einmal fühlte ich mich betroffen; wer lachte, war mir verdächtig; und als sich gar zwei Knaben erzählten, sie gingen zum Schlemiehl, um den zu hören, wie schlug mir das Herz, und als sie gar über meinen Freund spotteten, brach ich beinahe in Wuth aus. An Aufmerksamkeit war nicht zu denken; allein die Verweise schlugen heute gar nicht bei mir an, indem ich mich mit den Triumphen entschädigte, die ich heute noch feiern würde. Heimlich dachte ich daran, daß das weinende, schluchzende Publikum den Dichter rufen würde — welch' Erstaunen dann, wenn an der Hand des begeisternden Redners der kleine, knabenhafte Dichter hecvorträte. Ja, ich träumte schon von Lorbeerkränzen und dergleichen. Diese Gedanken erhöhten meinen Muth, und nach der Schule nahm mich noch so Vieles in Anspruch, was anzuordnen war, daß ich mit Staunen, und von Zittern befallen, sechs schlagen hörte, die entscheidende Stunde! Mit Absicht verspätete ich mich ein Wenig, schlüpfte dann in den Saal, und fand ihn über- und übergefüllt.