Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1850)
- Date
- 1850-07-08
- Page
- Seite 391 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225660-3225689--11114-3241202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m vorrlef und am Ende gar bedingte. Daher — zwar nicht immer aber recht oft — die erschlaffte Theilnahme nach einiger Zeit, weil die Predigt, nach und nach auf ihren natürlichen Standpunkt zurückkehrend, die Polemik nicht mehr zu ihrem belebenden Mittelpunkte machte. — Wenn also jener Aussatz die im Ganzen richtige Bemerkung und Klage, „daß auch der glänzendste und begabteste Redner nach einiger Zeit das Publikum nicht mehr lockt, so daß es in kleineren Städten ein Vergunst ist, daß sich immer noch ein bestimmtes Publikum beim Gottesdienste betheiligr u. s. ro." einzig und allein der Predigt, als Solcher, zur Last legen will, so ist dieses nicht richtig; gar oft tragt der Mißgriff der Predigt und des Predigers in der oben erwähnten Richtung wenigstens die Schuld mit. Wenn ich nun gegen die Polemik in der Predigt polemisice, so will ich damit keineswegs sagen, daß der Prediger die bestimmte Richtung, der er angehört, in seinen Vortragen nicht kund geben solle; das wäre schlecht und gewissenlos; sondern ich spreche nur gegen die allzuhäufige Anwendung der Polemik und namentlich dagegen, daß die Predigt in ihrer ganzen Anlage und in ihren Grundgedanken auf Polemik basi're und erblicke vorzüglich darin einen Fehlgriff, wenn der Prediger in der ersten Zeit seines Amtsantrittes ausschließlich oder vorwiegend die polemische Richtung vorwalten laßt. Der Prediger findet gar oft Gelegenheit, seine Richtung kund zu geben, das geschehe aber nicht mit einem gewissen absichtlichen Vordrängen und Vorschieben, sondern mehr als Einflechtung, wodurch die Wirkung mehr erhöht als geschwächt wird. In dem Gesagten dürfte nach meinem geringen Dafürhalten ein nicht unerheblicher Wink namentlich für neu angestellte Rabbiner und Prediger enthalten sein. Ein anderer Einwand gegen die moderne Predigt in jenem Aufsätze ist, „daß sie zu aller Zeit nur die Auslassung eines und desselben Predigers ist". Das ist wol richtig und wahr; allein wie soll dem abgeholfen werden? Soll etwa wie in den Zeiten Cromwells jeder Traugott und jeder Gotthilf die Kanzel besteigen dürfen? Gebet den Zeitgenossen die Begeisterung und die völlige und tief innerliche Hingabe an die Religion jener Tage, und es könnte sich machen; aber eben der Mangel an religiösem Sinne und religiöser Begeisterung ist anerkanntermaßen ein Grundzug unserer Zeit. (Vielleicht wird mir Mancher den Vers zurufen: 'n ü9 bs im V2\ ich antworte ihm: snpn rra-ob b'DttJ STttiö, es heißt ja üN'bI imi DK 'n ‘im und eben dieser Geist und diese Begeisterung fehlen.) Oder sollen etwa wenigstens die größeren Gemeinden Hwei Prediger anstellen? Ja wol! iarrb* rpcnnb ns nn&n truca?» an b* Jenem Uebel, so wu den anderen dort gerügten Mangeln, „daß die Predigt in ihrer Form einseitig, in ihrem Tone allzu salbungsrcrch, kurz monoton an Inhalt, Sprache und Form ist^, kann einigermaßen abgeholfen werden, wenn der Prediger mit Bewußtsein und grundsätzlich in den zu behandelnden Stoffen wechselt. Ich meinerseits habe mir i« Allgemeinen folgenden Gang in meinen Predigten festzcfetzt. An einem Sabbat wähle ich mir ein Thema, dais die bewegenden Zeitideen und Zeitinteressen zur GruMage hat; am folgenden Sabbat ein solches, daß die vorherrschenden Gebrechen und Fehler der Gegenwart und modernen Bildung zum Vorwurfe hat; am dritten ein solches, das mehr dogmatisch ist; am vierten ein solches^ das im Kreise des Gemeinde- und Familienlebens sich bewegt. Diesem Wechsel im Stoffe lasse ich auch mt Beflissenheit und Bewußtsein ein Wechsel in der All S drucksweise d. h. im Stile folgen. Mit einem Worte, jeder Prediger muß sich bewußt sein, daß die Predigt allerdings etwas monoton ist, und muß individuell dieser Eintönigkeit so viel wie möglich vorzubeugen suchen. Fleiß, Liebe zum Berufe, und vor Allem das bewußte Streben, diesem Institute der Neuzeit 2£d) tiang und Anhänglichkeit zu verschaffen, vermögen hier zar Vieles zu bewirken undnachzuhelsen. Ich komme nun $11 dem wichtigen Punkte, ob nämlich die Predigt aUsabbcrtlich oder in gewissen Zwischenräumen sich in der Syrliclgoge heimisch machen soll. Ich meinerseits stimme für jene Einrichtung, die zur Zeit die Predigt nur alle 14 2,i§e in der Synagoge abgehalten wissen will, weil nicht nur dadurch die Predigt sich einigermaßen den Reiz Der Neuheit erhalt, sondern auch hauptsächlich darum, we-il der Prediger unter allen Umstanden Zeit und Mußt findet, seine Predigt an Inhalt und Form kräftig und gediegen zu machen. Das israelitische Publikum sogar iuf dem Lande sucht in der Predigt Inhalt, Gedankenwichtbum, tiefes Erfassen des abzuhandelnden Thema's «nd dazu gehört Zeit und Muße. Man darf nicht vergesse, daß es bei uns Israeliten sich gegenwärtig auch darum» handelt, die Predigt beliebt und am Ende unentbehrlich jn machen in und bei dem Gottesdienste, und da ist e8 denn doch besser, daß die Predigt seltner und gut als oft und minder gut erscheint.