Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1850)
- Date
- 1850-07-08
- Page
- Seite 390 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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390 Die moderne Predigt. In No. 37 v. I. ist in dieser Zeitung ein vortrefflich geschriebener Aufsatz, betitelt „vom Kultus", enthalten, der sich über die Mängel des modernen Gottesdien-! stes und der modernen Predigt verbreitet, und mitunter so! viel Richtiges und Wahres mit klaren Worten ausspriHt, daß jeder denkende Israelit, namentlich jeder denkende israelitische Geistliche sich zum weitern Nachdenken aufgesordert fühlt. Ich habe jenen Aufsatz oft und wiederholt durchgelesen und will, der am Schluffe beigefügten Aufforderung folgend, Einiges im Betreff der modernen Predigt auseinandersetzen und beleuchten. Daß die altjüdische Synagoge nicht blos ein Ort der Erbauung — tibcn — sondern auch ein Ort der Belehrung — izmnn mn — war, ist eine bekannte Sache, die von Niemandem bestritten werden kann. Allein über die Form der in der mischuischen und talmudischen Periode vor der versammelten Gemeinde abgehaltenen Vortrage liegt uns nichts Klares und Bestimmtes vor. Wol ist im Talmud und Midrasch gar Vieles niedergelegt, was in der Synagoge als gottesdienstlicher Vortrag gesagt und gelehrt wurde; allein das sind wahrscheinlich nur Auszüge aus größeren Vortragen, aus welchen der oder die Sammler den oder die Hauptgedanken aufzeichneten und der Nachwelt überlieferten. Eine Predigt im modernen Sinne, d. h. ein Vortrag mit gestelltem Thema und dessen Auseinandertegung in verschiedene Haupttheile, wodurch der Redner alle, auf den vorzutragenden Gegenstand nicht Bezug habenden Gedanken ausschließt und dem Strome seiner Rede bestimmte Grenzen setzt, war sicherlich in jenen Zeiten nicht vorhanden. In Betreff der Form eines gottesdienstlichen Vortrags liegen uns also keine fertige Vorbilder aus jener * Zeit vor, nach welchen wir mit Modisizirung nach den Zeitbedürfnisien uns richten könnten. Nicht minder waren auch die Objekte der gottesdienstlichen Vortrage weit anders als diejenigen, welche in der modernen Predigt zur Sprache kommen können und kommen dürfen. Es laßt sich aus Talmud und Midrasch Nachweisen, daß Gegenstände aus alten Gebieten menschlichen Wissens als zum gottesdienstlichen Vortrage geeignet gehalten wurden. Wer kann aber in unseren Tagen ein Mittel gegen Zahnschmerzen ssiehe Traktat tV F. 28 a *)] zum Ge¬ *) Der ganze dortige Zusammenhang, so wie der Ausdruck: ■pp-rsn jsuj-n ps: iriftb deutet sicherlich auf einen gottesdienstlichen Vortrag. (S. Raschi zur Stelle.) genstande eines gottesdienstlichen Vortrags wählen? Es können also die Vorträge in der altjüdischen Synagoge weder in Bezug auf deren Form noch in Bezug auf deren Objekte verbildend und maßgebend für die Vorträge in unseren Tagen sein. Ebenso wenig können es die sogenannten Deraschot der jüngsten Jahrhunderte sein, was wol keiner weitern Auseinandersetzung bedarf. Die Predigt in ihrer akzeptirten Gestalt dürfte doch wol diejenige Form der gottesoienstlichen Vortrage sein, die den Zeitgenossen am Meisten zusagt und genügt. Allein damit sind die in jenem Aufsätze gerügten Mängel der modernen Predigt nicht im Mindesten gehoben; wir wollen daher versuchen, Einiges hierüber auszusprechen. Die Predigt in ihrer jetzigen Gestalt ist unter Widerspruch, Sträuben und Wehen in die Synagoge eingeführt worden. Die ganze religiöse Richtung der Neuzeit hat sie hervorgerufen, nicht ohne lauten und stummen Groll derjenigen, die der alten Richtung angehörten. Die Predigt, ein Kind der Polemik, hat sich bei ihrem ersten Heimischwerden in der Synagoge gar sehr in der Polemik gefallen, d. h. sie hat vorzugsweise diejenige religiöse Richtung zur Geltung bringen wollen, der sie ihr Dasein verdankt. Polemik ist aber ein Gegenstand, der den Menschen am allermeisten Interesse einzuflößen vermag und zwar nicht nur denjenigen, deren Anschauungen und Grundsätze vertheidigtund gerechtfertigt, sondern auch derjenigen, deren Grundsätze angegriffen und widerlegt werden. Die polemische Richtung in jedem Vortrage so wie in der Predigt ist eigentlich Disputation, freilich ohne Entgegennahme der allenfallsigen Einwürfe, wodurch aber der Vortrag keineswegs seinen disputirenden Charakter verliert und einbüßt. Disputation ist aber nur die überlaute und polternde Schwester der Diskussion, und jener Aussatz spricht ja deutlich und mit vollem Recht aus, daß beide Theilnahme erregen und begründen. Die Predigt im Allgemeinen hat sich aber bei ihrer ersten Einbürgerung in der Synagoge der polemischen, d. h. disputirenden Richtung vorwiegend hingegeben; ebenso mancher Prediger bei seinem Amtsantritte; dadurch wurde der Predigt und dem Prediger Theilnahme und Beifall entgegengetragen, aber das Publikum wurde auch verwöhnt, das eben der Predigt, vielleicht in seinem ersten Vertrautwerden mit derselben, nur oder gar zu häufig im Gewände der Polemik sich vorgeführt sah und daher in Vortragen religiösen und moralischen Inhalts, die außerhalb der streitenden Prinzipien sich bewegten, etwas vermißte, was vielleicht unbewußt dessen Theilnahme her-