Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1850)
- Date
- 1850-06-24
- Page
- Seite 366 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225660-3225687--11087-3241173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
366 Belletristisches. Der Schlemiehl. Eine Skizze aus dem Leben. (Fortsetzung aus No. 2 3. 24.) 6. Die Würde eines Improvisators hatte dennoch nach und nach einen nachtheiligen Einfluß auf den Handel unsers Helden. Denn seine ganze innere Welt ward davon erfüllt und beherrscht, wahrend sein Bandknäuel immer wirrer wurde, und die Bauermädchen immer weniger daraus zupften. Anstatt von einem Dorfe zum andern auf dem kürzesten und durch die Dörfer auf dem längsten zu gehen, suchte er sich die entferntest gelegenen zu seinen Handelsgangen aus, und streifte nun durch Flur und Wald, einsam brütend und träumend. Die finanziellen Vortheile, die ihm seine Improvisationen brachten, wurden daher durch die Nachtheile in seinen Handelsgeschäften ausgewogen, und er blieb der arme Schlemiehl wie vorher. Aber glücklich war er, sehr glücklich. In dem Bewußtsein, das ihn beseligte, verachtete er seine Verächter, und so bescheiden er gegen Jedermann blieb, so zurückhaltend und dienstfertig: so erhob er sich doch in seinem Stolze gegen Alle, die ihn beachselzuckten, und belächelte sie im Gefühle, mehr zu sein als sie. Allein bald traf ihn eine andere Sorge. Der Kreis der Ritter- und Räubergeschichten war nach einiger Zeit erschöpft, und Schlemiehl nahm es mit seinem Beruft zu gewissenhaft, als daß er dieselben Geschichten mit anderen Namen, wie es unsere Romanschreiber zu thun pflegen, hatte auftischen, und den Ritter Drachenftls dieselben grausigen Ereignisse erleben und furchtbare Thaten vollbringen lassen sollen, wie jüngst den Ritter Blutdurst. Und dann ward er des Beifalls der Bauern bald überdrüssig, er strebte höher hinauf, er wollte in den Kreis der Amtleute, Gerichts- und Steuerbeamten, Apotheker und Krämer in den kleinen Städten und Dörfern rings in der Landschaft dringen. Sein Ehrgeiz war erwacht, und suchte Nahrung. Da saugte sich Schlemiehl an mir fest, denn obgleich an Jabrcn sehr verschieden, hatte er einen außerordentlichen Rupekt vor meinem Wissen und Können, und wollte mich so zur Fund- und Schatzgrube für seine Darstellungsgabe machen. Ich richtete zunächst seine Aufmerksamkeit dahin, nicht blos eigene Schöpfungen vorzutragen: sondern da es noch einige Meisterstücke außerdem in unsrer Literatur gebe. Solche auszuwählen, die ihm zusagten und Eindruck machen würden. Er ging sehr gern darauf ein, und machte sich alsbald an's Werk. Allein hier stieß er auf mannigfache Schwierigkeiten. Zuerst als ich ihm die Meisterwerke von Schiller u. A. in die Hände gab, hielt er, in der zwiefachen Bewunderung der Dichtungen und seines eigenen Talents, Alles für geeignet, von ihm vorgetragen zu werden, und die Beschreibung der Szenerkeen und die Namen der Personen erweckten denselben Pathos in ihm, wie die tragischesten Sterbe- und Verklärungsszenen. Dann aber, und das war die Hauptsache, zeigte sich das Gedachtniß Schlemiehls so hartnäckig, wie Granit, oder so durchlöchert wie ein Sieb, so daß weder etwas eingegraben, noch behalten werden konnte. Der arme Junge quälte sich furchtbar, aber wenn ec zwei Zeilen überwunden glaubte, und zu zwei anderen schritt, zeigten sich die ersten in die Dämmerung der Vergessenheit zurückgesunken. Endlich aber wurde ihm ein arger Spott noch von einer Eigenheit gespielt, indem ihm, war er einmal in's Stottern gerathen, die Worte wie Steingerölle untereinander polterten, bald auch die Buchstaben, die im wunderlichsten Tanze ihre Plätze wechselten, dann wieder die Sätze und Stetten, so daß zuletzt Alles sich in ein grauses Chaos von Worten und Gedanken auflöste, aus dem nur ein neuer Genius hatte ein Verständniß schaffen können. Ich hatte daher unendliche Mühe, um ihn nur auf einige bestimmte Stücke zu fixiren, und diese ihm dann so einzuprägen, daß eine Irrung nicht mehr möglich sei. Es waren dies drei Piöcen, die allmälig Alles in ihm verdrängten, und sein ganzes Wesen ausfüllten, es waren dies: der Monolog aus Schillers Tell, aus dem „Leben ein Traum", und dann ein Verzweiflungsgedicht von Kotzebue, das damals als Manuskript kurst'rte, da die Zensur es nicht durchließ. Diese waren ihm nach Jahr und Tag so zu Fleisch und Blut geworden, daß er sie überall, wo er ging und stand, vor sich hinmurmelte, wo er nur konnte, sie anwandte, wo er nur durfte, sie vortrug. War es die Freundschaft, war es der Mangel an Urtheil, mir gefiel seine Vortragsweise so gut wie den Bauern; seine Leidenschaft, die Ausbrüche der Wuth, das unerhörte Steigern seiner Stimme bis in die äußersten Fisteltöne, sein heftiges Geberdenspiel bis zur Erschöpfung bchaqten mir gar sehr, und ich fällte ein so günstiges Urtheil über seine Leistungen, daß mein Ausspruch, den