Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1850)
- Date
- 1850-06-24
- Page
- Seite 361 (sequence 9)
- Language
- German
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361 Wollte Gott, diese Regelung geschähe auch in Absicht auf die christlichen Schullehrer, die in mancher Gemeinde an Rang und Bezügen dem Viehhirten weit nachstehen. (C. Bl.) —. Die Brunner Zeitung schließt einen Artikel, in welchem sie sich entrüstet gegen die Judcnkrawalle in Mähren ausspricht, mit folgenden Worten: Nur an ein historisches Axiom wollen wir hier noch erinnern, das die Annalen aller Länder, besonders im Mittelalter bewahrheiten. Mit Judenverfolgungen singen die Agitatoren des Volkes gewöhnlich an, die Massen aufzureizen, sie dadurch an Gesetzlosigkeit und Gcwaltthaten zu gewöhnen, und wenn nun das Volk auf diese Art gehörig vorbereitet war, und vor keinem. Verbrechen mehr zurückbebte, wurde es von Erstürmung des Ghctto's weg, zum — Umsturz festerer Mauern kommandirt. Lspienti «st! Krakau, 6. Juni. (Lloyd.) Am Sonntage vor dem Frohnleichnamstage erlaubte sich der Dominikanermönch K. in seiner, in der Dreifaltigkeitskirche abgehaltenen Predigt heftige Ausfälle gegen den hiesigen Stadtrath, weil selbiger mit noch nicht gehöriger Strenge (!) gegen die Juden verfahre und reizte das zur Andacht versammelte Volk gegen die Israeliten auf. Gegen den genannten Geistlichen ist zwar eine gerichtliche Klage erhoben worden, sie soll aber — wie es heißt — fallen gelassen worden sein. Wir sind zwar sehr weit entfernt, dieser Angelegenheit irgend welche weitere Folgen zuzuschreiben, finden es aber doch sehr ausfallend, daß einige Tage darauf die hiesigen Behörden erforscht haben, daß es am Frohnleichnamstage zu Erzessen zwischen Christen und Juden kommen sollte. — Es befindet sich nämlich die Kirche (Corpus Christi) der Canonici regul. Lateranenses an dem von Israeliten bewohnten Kasimierz, nach welcher Kirche Nachmittags am gedachten Feiertage sämmtliche Gewerke mit Fahnen in Begleitung der Einwohnerschaft zum Gottesdienste ziehen. — Dieser Zeitpunkt scheint nun von der judenfeindlichen Partei zum Ausbruche der Exzesse auserlesen worden zu sein. Kaum hatte aber unser, die Polizei zum wahren Wohle der Stadt leitende Herr Stadthauptmann Neuster davon Notiz erhalten, als alle Anstalten zur augenblicklichen Unterdrückung von ihm angeordnet wurden. Wir können aber auch nicht umhin unser Lob gegen die hiesigen Israeliten auszusprechen, daß sie Alles zu vermeiden suchten, was nur irgendwie Anstoß oder Veranlassung zu Reibungen geben könnte. Die Exzesse unterblieben. Wenn wir über die unter der hiesigen jüdischen Einwohnerschaft stattgehabten Vorfälle bisher Nichts berichtet haben, so geschah es nur deshalb, weil ihnen durchaus kein erheblicher Charakter beizumessen ist. Wir sehen uns aber jetzt, da der Lloyd Nr. 181 den falschen Bericht aus der Schlesischen Zeitung entnommen hat, veranlaßt, selbigen dahin zu berichtigen, daß für's Erste hier durchaus nicht eine sehr geringe Minorität dem geistigen Fortschritte huldigt, vielmehr selbst ganz orthodoxe Männer ihre Kinder in der deutschen, polnischen und französischen Sprache und anderen humanistischen Wissenschaften unterrichten lassen, und die hiesigen öffentlichen Lehranstalten von sehr vielen israelitischen Jünglingen besucht werden. Wenn zwar ferner der Rabbiner Meisels den unverzeihlichen und höchst tadelnswerthen Ausspruch that, daß die etlichen (nicht alle, wie es in jenem Berichte heißt) angcklagten Jünglinge durch drei Monate mit der deutschen und polnischen Sprache sich nicht zu befassen haben, so können wir versichern, daß dieses Unheil fast allgemeine Entrüstung unter den hiesigen Israeliten hervorbrachte. Das Verbot, statt einen Rückschritt zu verursachen, giebt vielmehr der israelitischen Jugend Veranlassung zur Vergrößerung ihres Eifers und sind sie hiebei der Unterstützung der achtbarsten hiesigen Israeliten versichert worden. Prag, 6. Juni. Vor Kurzem hat hier eine Gesellschaft von Israeliten einen „zinsenfreicn Darlehensverein" errichtet, und wir halten es für zeitgemäß, über dieses nützliche Institut einige Worte zu sprechen. Dieser Verein nimmt, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, Gewcrbtreibende gegen Verpflichtung eines monatlichen Beitrags von nur 5 kr. K. M., welche Zahlung sie nach eigenem Belieben viertel-, halb- oder ganzjährig entrichten können, auf. Das Darlehen beträgt 20, 30, 40 bis 50 fl. K. M., welche Summe der Darlehensnehmer mit einem Kreuzer pr. einen Gulden wöchentlich zu tilgen verpflichtet ist, jedoch steht es Jedem frei, die Schuld in beliebigen größeren Raten abzuzahlen. Dem Verein sind an milden Spenden, an denen sich Se. Mas. unser Kaiser Ferdinand der Gütige mit 40 fl. K. M. und der Versicherung, im Herbste abermals einen Beitrag zu leisten, bethei- 26*