Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1850)
- Date
- 1850-06-24
- Page
- Seite 357 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225660-3225687--11078-3241164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
357 Pose», 30. Mai. (Privatmitth.) Während in der Hauptstadt Preußens die herrlichsten Institutionen, wie Seminar und Gemeindeschule zu existiren aufgehört haben, die religiösen Parteien schroff sich einander gegenüberstehen, aus niedrigem Materialismus sich bekämpfen, und durch diese traurigen Zerwürfnisse vielleicht bald die Auflösung der Gemeinde herbeiführen; nehmen die hiesigen Gemeindeverhaltnisse eine immer erfreulichere Entwickelung. Trotz der zahlreich stattgefundenen Ablösungen von der hiesigen Korporation, werden dennoch alle Institutionen und Wohlthätigkeitsvereine,der hiesigen Gemeinde nach wie vor unterhalten. — Eins dieser schönen Institute ist die israelitische Waisenknabenanstalt. Dieselbe zeichnet sich schon dadurch vor allen anderen ähnlichen Instituten aus, daß hier die Erziehung der Waisen nicht mit deren Entlassung aus der Anstalt aufhört; dieselbe läßt vielmehr den Zöglingen auch noch wahrend ihrer Vorbereitung zu einem Lebensberufe Schutz und Pflege angedeihen. Nach dem diesmaligen, von der Direktion der Anstalt veröffentlichten, 12ten Jahresbericht hat die junge Anstalt bisher von 45 hilflos überkommenen Waisen 11 zu einem thätigen Leben herangebildet, die sich jetzt mit redlichem Erwerbe zu ernähren befähigt sind; außerdem 3 nach Amerika Uebergesiedelte bis an die Schwelle der Selbstständigkeit geführt. Nach Abgang 5 anderer Zöglinge befinden sich gegenwärtig in der Anstalt 25, von denen 14 in der Anstalt, 9 bei Meistern untergebracht, und 2 bereits aus der Lehre zwar getreten, aber auch jetzt noch der Unterstützung des Instituts bedürftig sind. Die Einnahmen pro 1848 und 49 betrugen.... 3530 Thlr. 13Sgr. 10 Pf. Die Ausgaben pro 1848 und 49 betrugen . . . . 2639 - 19 - 9 - Plus-Einnahme, welchezum eisernen Fonds geschlagen wird. 890 Thlr. 24Sgr. IPf. Für die körperliche und geistige Pflege der Zöglinge wird nach Kräften gesorgt; dieselben besuchen die hiesige Elementarschule; erhalten aber auch in der Anstalt den nöthigen Unterricht im Hebräischen. Dieser Unterricht, so wie die Erziehung der Waisen ist dem Herrn M. Wedell, einem ebenso kenntnißreichen als biedern Manne anvertraut. Die Jnspizirung der Anstalt geschieht wöchentlich einmal durch den Dirigenten derselben, den Herrn Peter Lippmann, dem auch die Anstalt ihre Entstehung zu verdanken ha!, und der unablässig bemüht ist, dieses Institut zu heben. Dieser wackere Mann, dessen musterhafter Charakter hier rcnommirt ist, verdient um so mehr allgemeine Anerkennung, als er die Seele fast aller hiesige>r israelitischen Vereine ist, denen er seine Zeit und Kräfte: unausgesetzt widmet. So ist Herr Lippmann auch- Dirigent des Frauenvereins zur Unterstützung armer, israelitischer Wittwen und Waisen mit Miethzins, und, um die schöne Trias zu ergänzen, hat derselbe im vorigen Monat die hiesigen Töchter Israels zur Bildung eines Töchtervereins angeregt. Ueber die Tendenz und die Wirksamkeit der letztgenannter Vereine in meinem nächsten Berichte; für heute will ich den Lesern Ihres geschätzten Blattes noch einig! andere Mittheilungen machen. Die hiesige Gemeinde war nahe daran, einer ihr« schönsten Zierden beraubt zu werden. Der hiesig! Rabbiner, Herr Salomon Eger, hatte einen Ruf nach Kalisch erhalten, und, wie man sagt, war derselbe geneigt, seinen gegenwärtigen Wirkungskreis zu verlassen. Kaum hatte sich diese Nachricht hier verbreitet, so vereinigten sich seine zahlreichen Verehrer um ihn, und deren dringenden Bitten gelang es, den Herrn Rabbiner zu bestimmen, auch ferner das Seelenheil der hiesigen Gemeinde zu wahren. Es wurde ihm auch eine jährliche Gehaltserhöhung von 200 Thlr. versprochen, da er mit den aus dem Kultusverein *) beziehenden 500 Thalern nicht seinem Stande gemäß leben kann. In die hiesige sogenannte „Neue Schule" ist endlich ein kleiner Lichtstrahl gedrungen, der aber die Lichtscheuen dieser Synagoge dermaßen blendet, daß sie, die Verbreitung des Lichtes fürchtend, aus allen Kräften sich bemühen, die ketzerischen Pläne jener (cjuasi) Lichtfreunde zu vereiteln. Die dem mäßigen Fortschritt huldigende Partei beabsichtigt nämlich, die Synagoge durch einen Anbau zu vergrößern, und gleichzeitig, um mehr Raum zu gewinnen, das Almemar aus der Mitte zu entfernen und, nach der modernen Bauart der Synagogen, mit der Vorbetcrstelle rn'n zu vereinigen. Hierüber erhebt das kleine Häufl'ein der Frommen (sie!) ein großes Lamento, und da zu dieser Bauveränderung die Zustimmung aller Synagogenmitglieder erforderlich ist, so will die oppositionelle Partei um Alles in der Welt (doch wer weiß, *) S. No. 35 u. 37 der A. Z. d. Jud.vor. Jahres.