Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1850)
- Date
- 1850-06-17
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
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343 Heißt das nicht den alt ehrwürdigen Glauben, auf den wir doch sonst so stolz sind, schändlich mit Füßen treten? Heißt das nicht sich selbst vor den Augen der Welt ein lächerliches Dementi geben, wenn ein israelitischer Kultus Vorstand der alten, heiligen Lora, vor deren Auktorität doch die ganze zivilisirte Welt ehrfurchtsvoll das Knie beugt, nicht einmal ein Obdach ohne Zinsen gönnen will? wenn man der Religionsschule den Aufenthalt in den Räumen der deutschen Schule ohne Entgelt nicht gestattet? Ja, wenn die Polizei ihr Argusauge auch auf den hebräischen Unterricht richten würde, dann, dann würde man sich anstrengen! Aber möchten wir uns zur Aufrechthaltung und Förderung unserer heiligsten Interessen gern durch die Polizei nöthigen lassen? Ist es des sittlich freien Menschen würdig, nur das zu thun, was er muß, und nie das was er soll? Nur was wir mit Liebe aus dem innersten Antriebe unsers Herzens gern und willig thun, weil es die Religion, weil es die gute Sache will, nur das findet sein gedeihliches Fortkommen. Mögen die Herren Rabbiner, die gegebene Aufforderung, wie diese in No. 19 dieser Blätter „aus Böhmen" mitgetheilt ist, bereitwillig und glücklich erfassen, und außer den dort gerügten „selbstsüchtigen Tendenzen" auch nebenbei die Angelegenheiten der Religion und deren Lehre nach Pflicht und Gewissen zu fördern sich bestreben. Mögen diese Herren eingedenk sein des inhaltsvollen Verses: „vum vires aiuiiqiie sinunt tolerate labores!“ Krakau, 28. Mai. Man schreibt der Schles. Zeitung: Unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung finden heftige Reibungen statt zwischen der altgläubigen Majorität und der noch sehr geringen Minorität, die dem geistigen Fortschritt huldigt, und in Bezug auf Bildung mit ihren christlichen Mitbürgern gleichen Schritt zu halten sucht. Zur Charakteristik des Fanatismus der hiesigen Altgläubigen diene Nachfolgendes: Im verflossenen Jahre errichteten die hiesigen altgläubigen Juden, die sogenannten Chassidim, ein neues religiöses Konventikel unter der Leitung des jüdischen Gelehrten Melsch und des Sohnes des hiesigen Rabbiners, ehemaligen Reichstags depulirten und Mitgliedes der Linken, Bär Meisel. Melsch schickte Späher in die hiesigen jüdischen Bethäuser und sogenannten Talmudschulen, und ließ sich die Namen aller jungen Israeliten zustellen, die außer Talmud auch in der polnischen, deutschen u. a. Sprache, so wie in äußeren, oder wie dieChassidim sagen, unreinen und irreligiösen Wissenschaften Unterricht nahmen. Jeden Tag am Schluß des Gottesdienstes las der Melsch das Namensverzeichniß dieser jungen Israeliten laut vor und sprach den Fluch über dieselben aus. In der Schule eines gewissen Majer verfolgte man junge Leute deshalb, weil sie sich über abergläubische Vorurtheile und über Zauberformeln, welche dort als Heilmittel bei Krankheiten empfohlen wurden, lustig machten. In einer andern solchen Talmudschule verweigerte man den Zutritt denjenigen jungen Leuten, die in ihren Mußestunden Sprach- und wissenschaftlichen Unterricht nahmen, und die bereits eingegangene Schule, welche im Jahr« 1848 von der hiesigen polnischen Gesellschaft für wissenschaftliche Unterstützung, in dem von Juden bewohnten Kazimierz gestiftet ward (wo unter Anderm ein katholischer Geistlicher jungen lernbegierigen Israeliten Unterricht im Polnischen ertheilte) besuchten; man prügelte sie, und warf ihnen dabei vor, daß sie bei christlichen Geistlichen wissenschaftlichen Unterricht genossen. Zwei junge Leute, Gutenberg und Bromberg, die auf solche Weise von den Fanatikern mißhandelt worden, wurden deshalb beim Rabbiner Meisel klagbar. Auf einem von demselben berufenen Religionsgericht jüdischer Gelehrte wurde, nach Anhörung der Kläger und Angeklagten, am 21. d. vom Rabbi Meisel folgendes Urtheil publizirt: „Der Jugend, die sich mit weltlichen Wissenschaften beschäftigt, wird als Strafe dafür, daß sie Bücher liest, welche der Religion und deren Vorschriften feindlich sind, nicht erlaubt, von jetzt an bis zum September d. I. weder polnische noch deutsche Bücher überhaupt zu lesen. Ebenso dürfen die in der jüdischen Gelehrtensprache abgefaßten belletristischen und philosophischen Bücher von jungen Leuten nicht vor Beendigung des 25. Lebensjahres gelesen werden. Verboten ist, Geschichte nach Rotteck zu studiren; Beckers Weltgeschichte wird vielleicht erlaubt werden; von Anfang Oktober an werden alle Bücher zensirt werden." Frankreich. Paris, im Mai. Algerien kostet bekanntlich Frankreich noch immer mehr, als es ihm einbringt.