Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1850)
- Date
- 1850-06-17
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
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342 Trebitsch vom 3. d. schreibt man: In unserer Stadt, die in jüngster Zeit von sich so viel reden gemacht, herrscht der alte Sinn für Ruhe, Ordnung und Gesetzlichkeit. Wer Trebitsch und dessen Bewohner nur ein Wenig kannte, konnte das auch erwarten. Trebitsch hat sich zu allen Zeiten gut gehalten, das beweist am Untrüglichsten ein Rückblick in seine Vergangenheit. So viel ist einmal gewiß, daß die vorgekommenen Gewaltthätigkeiten lediglich als das Werk einiger Unduldsamer anzusehen sind. Pesth, im Juni. An das Berwaltungskomite für die Einhebung der Toleranztaxrückstände ist zu Händen des pesther israelitischen Vorstandes Herrn I. A. Kassowitz folgende Zuschrift von Seite des k. k. Militärdistriktskommando's gelangt: „Mit Bezug auf die hierortigen Zndorsaterläffe vom 16. und 31. März. d. I. theile ich dem Vorstande mit, daß in Folge herabgelangten Erlasses des hohen Armeekommando, dd. 11. d. M., angeordnet worden, alle Purisikationen einzelner Judengcmcinden und Familien, Betreffs ihrer Nichtbetheiligung an der Revolution, hier vorzunehmen, und daher diese Verhandlungen demnächst in's Leben treten, die diesfälligcn Normen aber ehestens bekannt gegeben werden." Aus einer Gemeinde Böhmens, 2. Juni. (Privatmitth.) ,,11t desiat vires, turnen est isudunds voluntss." Es ist doch ein sonderbares Ding um die liebe Jdeenassoziation, die unsere Gedanken oft von Extrem zu Extrem führt. Als ich unlängst vorstehenden Hexameter in der Zeitung des Judenthums zitirt fand, erfaßte mich unwillkürlich ein gewaltiger Schauer von Ironie, der mir wie eisige Kälte durch alle Glieder fuhr; indem ich so sehr an das grelle Gegentheil vom obigen Verse gemahnt wurde; daher ich nicht unterlassen kann, ihn an die Spitze des hier folgenden traurigen Kuriosums zu stellen, dem Sie, wenn es auch nicht von allgemeinem Interesse, doch seiner Neuheit und Merkwürdigkeit wegen, und als einen abermaligen traurigen Beweis von Apathie für religiöse Bedürfnisse, einen Raum in Ihren geschätzten Blättern geneigtest gönnen wollen. In einer bedeutenden Jsraelitengemeinde Böhmens — der geehrte Leser erlasse mir gefälligst den Namen, da es sich nur um die Sache handelt — wurde vor ungefähr zehn Jahren eine hebräische Lehranstalt (Religionsschule) errichtet. Da die Erhaltung dieser Schule lediglich von dem zu zahlenden Schulgelde, daher von der Willkür der Eltern abhing, so erging es diesem Institute, wie allen Anstalten, die keiner Fonds sich zu erfreuen haben. Der Geist der Zwietracht, der ein feindseliger Dämon, in der freien Gemeinde sein Unwesen treibt, legte auch an die Religionsschule seine Alles zerstörende Hand, und führte sie nach langem Rütteln endlich der Auflösung entgegen. Das verderbliche Chedarwesen, seit Jahren beseitigt, erhebt wieder sein scheußliches Medusenhaupt, das Chedar, worin die krasseste Ignoranz, gepaart mit der frechsten Anmaßung, sich breit macht, reagirt, genährt von den Männern des Zankes, gegen einen geordneten Schulunterricht. Die Lehrer, die nun ein Dezennium bei genanter Anstalt verlebten, und nur einem geregelten, systematischen, unter öffentlicher Aufsicht stehenden Unterrichte ihre Kräfte widmen wollen, halten nur mit vieler Anstrengung noch einige Trümmer der zersplitterten Schule aufrecht, indem sie im Einverständnisse mit dem Gemeindevorstande zu Anfang des jetzigen Sommerkurses die Anstalt zu reorganisiren bemüht waren. Aber hört! hört!! wie der Vorstand dieser Schule unter die Arme greift! Die Lehrer sind vom Vorstande gehalten, für Benutzung der Lehrzimmer in der deutschen Gcmeindeschule zum Religionsunterrichte einen jährlichen Miethpreis an die Gemeindekaffe zu entrichten, um hiedurch die Erhaltung der deutschen Schule der Gemeindekasse zu erleichtern; aber, o über die unerhörte Insolenz! auf der andern Seite das Aufkommen der hebräischen Schule um so mehr zu erschweren. Wie ökonomisch doch der Vorstand auf Kosten der Religion zu manipuliren versteht. Wirthschaft, Nichts als Wirthschast, sagt Hamlet. Ja, aber die deutsche Schule wird vom Staatsgesetze, die hebräische nur von der Religion gefordert — und darum muß auch die verstoßene Stiefschwester der bevorzugten allenthalben weichen, muß ihr durchweg die günstigeren Tagesstunden zum Unterrichte überlassen, muß, von ihr gleichsam exkommunizirt, ein elendes, sieches Leben dahinschleppen, und jetzt muß sie ihr obendrein noch einen Zoll entrichten. Könnte ihr nur der Vorstand als Auszeichnung noch einen gelben Lappen afsiziren! Heißt das nicht der eignen Religion mit frecher Hand in's Angesicht schlagen?