Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-06-10 · Heft 24 (10.6.1850) · p. Seite 334

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 24 (10.6.1850)
Date
1850-06-10
Page
Seite 334 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3225660-3225685--11053-3241137
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

334 und dachte selbst, was er wol könne, um sich aus den furchtbaren Händen zu befreien ... „ich kann ja gar Nichts ... ich bin ja ein Schlemiehl.. „Was bist Du? eine Mühle V* rief der Bauer, und wollte sich auSschütten vor Lachen — unser Schlemiehl faßte wieder Muth, denn der Instinkt lehrte ihn, daß wer lacht, nicht beißt — „wo hast Du denn Deine Flügel, Mauschel, wenn Du eine Mühle bist? . .." Schlemiehl betrachtete seine großen Hände und langen Arme. „Die Juden können alle singen und schreien," sagte ein anderer Bauer, „er soll uns was Vorsingen und schreien, wie sie's in ihren Kirchen thun...." „Ja, singe, Jude...riefen die Anderen. Da fuhr es wie ein Blitz in die Seele des Schlemiehls. „Singen, meine Herren," hob er an, „kann ich nicht, aber ich will Ihnen was vordeklamicen...." „Klamisern," sagte der Bauer, „was ist das wieder für Zeug? Gebt Acht, der Jude betrügt uns. Doch nur zu, klamir, Bursche, daß wir was hören...." Die Burschen ließen unfern Helden los. Er dachte Etwas nach, dann stellte er den rechten Fuß vor, hob den rechten Arm in die Höhe... .„Auf den Tisch!" riefen die Bauern, „der Jude will predigen ... auf den Tisch!', Schlemiehl mußte auf einen Tisch steigen, der in die Mitte der Stube gerückt ward. Da stellte er sich in die verlassene Positur, und begann: „Hört Ihr den rollenden Donner, seht Ihr die zuckenden Blitze, vernehmt Ihr den plätschernden Regen . . . horch, wie der Wind pfeift durch die Wipfel der Föhren, wie er rauscht und brauser, und die Stamme knarren und beugen sich, und die Aeste schlagen zusammen ... fürwahr! die Erde bebt und schwanket, im fernen Felsthal rollen die Felsstücke nieder und zertrümmern im Waldstrom, daß seine Wellen aufzischen und nicht weiter können, und sich aufstauen und über die Ufer steigen, und die Fluren überschwemmen; in die Hütten rollen die Fluchen, und schwemmen das Vieh und die Kinderwiegen und die Betten weg und die Kartoffeln; der Blitz aber schlagt in die Scheuer und zündet, und die Flammensäule steigt auf zum nächtlichen Himmel und röthet ihn weit und breit, daß man bei diesem grausigen Lichte spinnen und hecheln könnte...." „Verdammter Jude, Du fluchst wol!" unterbrach ihn ein Bauer, und sprang auf.... Doch Schlemiehl ließ sich nicht stören. „Bei solchem Wetter," fuhr er fort und hob die Stimme mächtiger, „bei solchem Unwetter führte Ritter Kuno von Rabenhorst sein treues Roß durch den Wald, denn er hatte sich im Sturme verirrt und sein Streithengst „Haserfreffer" hatte sich ein Dorn in die Hufe getreten, daß sie blutete und der Fuß hinkte. So führte Ritter Kuno sein Roß und hinkte selbst, denn als er abgestiegen, hatte er sich den Knöchel verstaucht...." Immer lauter schwoll die Stimme unsecs Helden an, daß es selbst fast wie Donner rollte, und die Bauern schienen sehr ergriffen. „Mit einem Male zerriß der blutrothe Mond das Gewölk und trat hervor, und wieseine zitternden Strahlen auf den einsamen Waldpfad fielen, huschten plötzlich Gestatten aus dem Gebüsch, zuerst schwarze, dann schwefelgelbe, dann feuerrothe Gestalten, Alle blickten auf den Ritter Kuno mit durchbohrenden Blicken; endlich kam die grausigste Gestalt, und pustete einen Feuerstrom aus den Nüstern ihrer Nase und verbreitete eine Wolke von Schwefelstank um sich herum, und schrie: Wehe, wehe, dem Vatermörder, dem Kain, der blutigen Hand, wehe dem scharfen Dolch und der spitzen Lanze! ... Da scheuete der „Haferfresser", das treue Roß, und dem Ritter Kuno standen die Haare zu Berge, und das Roß ..." da sing Schlemiehl zu kreischen an, daß den Bauern die Nerven erdröhnten, ... „das Roß riß sich los und riß aus, und Ritter Kuno lief ihm nach, und das Roß hatte sein Hinken, und Ritter Kuno sein Lahmen vergessen; das Roß lief voran, und Ritter Kuno lief hinterdrein, und die Gestalten huschten ihnen nach, und riefen: Wehe, wehe dem Tugendrauber, dem Sauser, dem ... horch! da plumpte's, und da plumpte's noch einmal ..unser Held erhob die Stimme bis zum letzten Ton ... „der Streithengst war in eine tiefe Felsschlucht gestürzt, und lag zerschmettert in der furchtbaren Tiefe, und der Ritter Kuno von Rabenhorst war nachgestürzt und lag .. In diesem Augenblicke der höchsten Begeisterung des Redners und der höchsten Spannung der Zuhörer riß der Bindfaden im Knopfloch des blauen Fracks, und die Brust Schlemiehls entdlößte sich, aber ein mächtiger Hund, der schon lange das Kreischen unsers Helden unwillig mit Knurren und Brummen begleitet hatte, sprang mit Geheul nach der Brust des Redners, und wie dieser das Ungethüm auf sich losspringen sah, sprang ec schaudernd zurück, und purzelte rücklings vom Tische.... Da lag auch er, wie der Ritter Kuno von Rabenhorst und sein Streithengst „Haferfresser", in der Tiefe,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.