Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1850)
- Date
- 1850-06-03
- Page
- Seite 318 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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318 sorgt gewesen, aber der dumme Schlemiehl war gerade fortgegangen.... Also von diesem fortgegangenen Schlemiehl war unser Schlemiehl der einzige Sohn, das einzige Kind. Von Kindesbeinen an hieß er natürlich auch Schlemiehl, aber er blieb dabei stehen, und zu dem Beinamen seines Vaters „der dumme Schlemiel", so weit hat er's nicht gebracht. Seine Mutter aber, die Schlemiehlte, hieß sicher so mit vollem Rechte, denn sie lebt noch, nachdem ihr Mann vor mehr als vierzig Jahren fortgegangen, und ihr Sohn vor dreißig Jahren gestorben. Sie ist ein steinaltes Mütterchen, und als ich im Fichtenhaine das Bild ihres verklärten Sohnes gesehen, suchte ich sie auf, um sie durch eine Gabe zu erfreuen, die ihr Sohn ihr sende. Aber man konnte sie nicht finden, so viel die Leute, bei denen sie in einem Dachwinkelchen auf Kosten der Gemeinde wohnt, sie auch suchten. Sie sagten mir, sie sei wol fortgegangen, Lappen auf den Straßen zu suchen, wie sie immer thate, und' die sie dann auf ihre Kleider klebt, bis sie sie wieder verliert. Wie eigentlich der „dumme Schlemiehl" zu seiner Frau und seinem Kinde gekommen, weiß ich auch nicht zu sagen. Der Leser weiß ja selbst, wie manchmal erst in später Zeit Etwas Wichtigkeit erhalt, wonach man in der Kindheit gar nicht fragt. So Hab' ich früher nie danach gefragt, und jetzt ist die Kunde davon verklungen. Die Generation, die es bemelden konnte, ist den Weg alles Fleisches gegangen, und so bleibt dieser Umstand der Vergessenheit oder dem Dichter überlassen. Aber das weiß ich noch deutlich, wie man mir erzählte, daß am Hochzeitstage, als der Rabbiner schon gekommen und die Ehuppa aufgestellt war, wol die Braut da war, aber nicht der Bräutigam. Man suchte ihn, und fand ihn endlich auf dem Heuboden eingeschlafen; als man ihn geweckt, meinte er, er habe gefürchtet, es könne eine Stange an der Ehuppa zerbrechen, und da wollte er eine Bohnenstange vom Boden holen, aber das Heu wäre zu einladend zum Schlafen gewesen. Als man ihn nun heruntergebracht, da war wieder die Braut nicht da, weil ihr Einer auf das Kleid getreten, und es ganz aus der Nath gerissen. Es wurde endlich mit Stecknadeln zusammengesteckt, und so konnte dennoch die Trauung vor sich gehen. Einige Leute, welche Schlemiehl den Vater gern hatten, weil er ihnen zu lachen gab, hatten das Hochzeitmahl ausgerichtet. Aber Schlemiehl that des Guten so viel, daß er den Abend nicht zu Bette konnte, sondern auf eine Bank an der Wand gelegt, süß schnarchend die Nacht verschlief. Er hat spater stets versichert, seinen Hochzeitstag werde er nie vergessen, so gut sei es ihm nie wieder geworden. 3. Die Familie, deren letzten Sproß ich meinem Leser hier zu schildern habe, hatte vor ähnlichen, so benannten Geschlechtern das voraus, daß sie nie ein boshaftes Glied unter sich zahlte. Ich kenne die Beinamen, welche die ganze Reihe der Ahnen bis ans den Vater, der der „dumme" Schlemiehl hieß, zierten, nicht, aber niemals hieß Einer von ihnen ein „böser Schlemiehl", und der Unsrige gar schlechtweg der „Schlemiehl" — ach! das Verhangniß hat ihm nicht die Zeit gelassen, sich einen Beinamen zu erwerben, denn er war ja erst zwanzig Jahre alt als er starb, und bei den Schlemiehls geht Alles langsam: um einen Beinamen müssen sie fünfmal so lang, wie Vater Jakob um die Rahel dienen. Es war an einem ersten April, als ich, ein fünfjähriger Knabe, zum ersten Male in die Schute geführt ward. Ich hatte bald Bekanntschaft gemacht, und als es um zehn Uhr zur Mora auf den großen Schulhof ging, da war mir schon Einer zur Seite, welcher die Fragen des neugierigen Knaben beantwortete. Da siel mir denn bald ein langer, ungeschlachter Junge auf, der nicht wie Saul um eine ganze Kops-, sondern um eine halbe Leibeslänge die Masse überragte, den ich. Anfangs für einen der Lehrer hielt, bis ich sah, daß er Prügel nicht austheilte, sondern empfing, ohne sie zu erwidern — das gerade Gegemheil von einem Lehrer. Auf meine Frage: wer dies wäre? antwortete mein Kamerad Lachend — das ist Schlemiehl. Ich verstand das Wort nicht, aber der Knabe konnte es mir auch nicht erklären, sondern wiederholte nur: Schlemiehl ist Schlemiehl. O, ich sehe ihn noch wie heute. Ec hatte Stiefeln an, die mehr vom Fuße sehen ließen, als verbargen, und bei jedem Schritte die halbe Sohle anschlappen ließen; daß er da die Füße nicht draus verlor, dafür konnte der gute Schlemieht Nichts. Dabei war die Wichse seit Jahren an ihnen gespart, der Schmutz aber nicht. In die Schäften des einen Stiefels stak die gelbe Hose, über den andern war sie halb hinübergecutscht. Die gelbe Hose! Wohlklingender, euphemistischer Name! ich hatte ebenso gut die schwarze Hose oder die braune oder die blaue Hose sagen können, oder gar keine Hose — denn von allem dem hatte sie Etwas an sich. Nur eine tüchtige Tasche war in ihr, denn die baumelte raus, und allerhand