Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1850)
- Date
- 1850-06-03
- Page
- Seite 317 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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317 blaues schmachtendes Auge, mit dem Du freilich etwas schieltest, blitzte mich an, und Deine unermeßlich große Hand Mug ans die Tasche der schmutzigen Hose, wie Du immer thatest, wenn Du Eckern und Buchnüsse und Haselnüsse für uns gesammelt, damit wir Dich nur mitspielen ließen, obschon Du uns wie ein Mann überragtest, und wußtest, daß im Spiele die Prügel allein Dir zusielen.... Da stürmte ich den Hügel hinauf, denn ich glaubte im Augenblick wieder Knabe zu sein ... aber als ich oben war, Zerflössest Du freilich wie Nebel, und hattest Dich schnell auf ein Wölkchen gesetzt, das gerade vorüberfuhr, und schifftest von dannen.... Ich wußte ja aber, was Du wolltest — ich sollte Dich erstehen lassen aus dem Grabe der Vergessenheit, und Dich noch einmal durch das Leben wandeln machen, damit, wenn Du auch nicht mehr lieben könntest, doch noch geliebt würdest, wonach Du Dich so sehr sehntest Dein Lebelang.... Komm, Freund! Zwar habe ich die Vaterstadt wieder langst hinter mir gelassen, und statt des Fichtenhains umgiebt mich wieder die Arbeitsstube, die dunkele, rings an den Wanden die ernsten, düsteren Folianten, Quartanten und so fort, aber Du hast Dich mit mir auf die Eisenbahn gesetzt, und frei, ohne Billet, und folgtest mir unablässig, so daß, wenn ich Dich los sein will, was ich in der Kindheit doch auch oft mochte, ohne daß es mir gelang — denn eine Klette warst Du immer, daß Du, wo Du Dich angesaugt, nicht fortkamst, wenn man Dich nicht hinauswarf — ich Dich wahrlich porträtiren muß. Schlemiehl, o Du rechter, echter Schlemiehl, ich habe Dich ja gar nicht gekannt, so lange Du unter uns umherwandeltest, ein lebendiges Vorbild, wie man Alles nicht machen müsse, wenn es was werden soll . . . erst an dem goldnen Maimorgen, als man um Deinetwillen eine Menge frischen Rasens mit tausend „Ganse- und Butterblümchen" wegspatete, und eine Höhle grub in die Erde, um Dich, d. h. die zerfallenen Reste des lebendigen Scklemiehls, hineinzusenken, und als da die Träger Deines Todtenkastens so ungeschickt waren, ihn ausgleiten zu lassen, daß Du noch einmal auf die platte Erde zu liegen kamst, und ich da Dein bleiches, abgemagertes Gesicht, mit den kurzen gelben Haaren und den großen abstehenden Ohren noch einmal zu sehen bekam, und merkte, wie der Tod das Grinsen und die langen Falten hinausgewischt und die Ehrfurcht des Berstummtseins darüber gebreitet hatte — da erst ging mir die Ahnung auf von dem, was Du gewesen, und was dadrinnen geklopft und gepocht habe, und Niemand wußte es, Du selbst nicht.... Siehe, viele Jahre sind darüber vergangen, und nur selten dacht' ich Dein, und ich hatte Dich ganz vergessen.... Und ich bin kein Schlemiehl, wie Du, aber es ist mir auch nicht viel gelungen von dem, was ich gewollt, und um was ich gerungen; ich habe es mir sehr sauer werden lassen, hei, wie viele Tropfen Schweißes, auf der Stirn und hinter der Stirn, heimliche Schweißtropfen des Geistes, habe ich vergossen, und wenn sie getrocknet waren, war es umsonst geschehen ... daß ich fast glauben möchte, eigentlich sind alle Menschen Schlemiehls, die da Wasser gießen in ein bodenloses Faß, und im Rade treten fort und fort, aber sie wissen nur einen Schleier drüber zu breiten, und den Dunst schöner, wohlklingender Worte darum zu legen — nun, fürwahr, es wäre so ein rechter Streich, wie er Dir und nur Dir zukömmt, wenn ich, um Dich zu zeichnen, an Dich vergäße, und statt Deines Lebens das meinige erzählte.... 2. Schlemiehl war natürlich ein Sohn von Schlemiehl — aber Gott bewahre! kein natürlicher Sohn — sondern in rechtmäßiger Ehe ihm geboren von seiner Frau Schlemiehlte. Wie unser Schlemiehl eigentlich mit Vornamen hieß, ob David, oder wie, weiß ich wahrlich nicht, denn er hieß ja einfür allemal und so lang ich mich besinnen kann, der „Schlemiehl". Und auch seines Vaters Namen weiß ich nicht, denn wenn man nach seinem Vater frug, so sagten die Leute nur: das war ein dummer Schlemiehl! Der war nämlich vor vielen, vielen Jahren auf und davon gegangen, weil er zu viel gehungert hatte, und da nahm er einmal vom Ladentisch eines Bäckers ein Psennigbrod, wurde aber dabei ertappt, und ob ihm der Bäcker zehnmal sagte: Schlemiehl, furcht Dich nicht, dehalt's, aber mach's ein ander Mat geschickter, wenn Du hungerst, und nur bei mir, bei einem Andern thu's ja nicht, trag mir die Nahrung nicht weg!... so war er doch bei Nacht und Nebel davongegangen, weit er glaubte, er käme in's Strafhaus, und natürlich hat man nie wieder was von ihm gehört. Und der Schlemiehl, gerade an dem Morgen, als er fortgegangen, sandte der Gemeindevorstand zu ihm, um ihm sagen zu lassen, er solle als dritter Unterschammes mit einem jährlichen Gehalt von zwölf Thalern, und einem halben Scheffel Mehl und fünf Pfund Fleisch zu Peßach angestellt werden. Nun wäre ec doch Zeit seines Lebens ver-