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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-06-03 · Heft 23 (3.6.1850) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 23 (3.6.1850)
Date
1850-06-03
Page
Seite 319 (sequence 15)
Language
German
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319 mußte Ln sie hinekngepfropft sein, denn sie war sehr angeschwollen, sicher aber Nichts, was dem Besitzer nützen, oder einem Andern schaden konnte: bunte Sternchen, Holzklappern, eine Melle, ein alter Kreisel u. dgl. mehr. Hosenträger hatte der große Knabe nur Einen stets, daher hing die eine Seite der Hose immer einige Grade niedriger als die andre, so war wenigstens die Harmonie mit dem untern Ende über dem Stiefel hergestellt. Ueber der Hose hatte nun Schl-miehl einett blauen Frack mit blanken Knöpfen an. Himmel, was für ein blauer Frack mit blanken Knöpfen! Doch um mich nicht Ln den Geruch der Aufschneiderei zu bringen, indem ich meinen Helden zu luxuriös ausstafsire, muß ich gestehen, daß ich unsicher bin, ob ich „Knöpfe" sagen darf: doch deß bin ich sicher, ein blanker Knopf war wenigsten daran, und mit dem w«r der blaue Frack zugeknöpft, die anderen hatten sich wol nach und nach verloren, seitdem der Schlemiehl den Frack neu bekam, neu, nämlich aus dem Lumpenkasten eines Menschenfreundes. Es war daher auch natürlich, daß die Knopflöcher längst ausgerissen waren und ein Bindfaden die Stelle vertrat, natürlich, daß der Frack, wenn nicht kleiner, doch zu klein geworden, so daß die Taille ziemlich unter den Achseln saß, ja doch auch kleiner, wenigstens der eine Schooß, von dem einige Stückchen in der Hand wer weiß welches kleinen Frevlers geblieben; natürlich, daß so ziemlich vom Ellbogen an die Arme und langen, langen Hände neugierig hinausgedrungen waren. Bei dieser natürlichen Beschaffenheit war es aber immer ein blauer Frack, den Schlemiehl über der gelben Hose trug. Unter dem Frack muß ich voraussetzen, hatte derselbe noch eine Weste an, oder so etwas, dem fünfjährigen Knaben wird man es Nachsehen, wenn er nicht darauf regardirte. So angethan, stand unser Held in der Mitte des Schulhofes, und fast alle Knaben in hellem Haufen um ihn herum, und auf jeder Schulter saß ihm ein Range, der sich in seinen Haaren fest hielt, und die ihn mit den Füßen spornten: „weiter, weiter, Schlemiehl, wir wollen reiten." Aber so viel sie spornten, er konnte nicht weiter, denn mit furchtbarem Gejubel umdrangten ihn die anderen Knaben, und wollten die beiden Reiter herunterziehen. Und das gab einen solchen Lärm, daß endlich der Profoß erschien. Schnell war der Hause auseinandergestoben, die beiden Reiter von den Schultern herunter, und der Profoß zahlte mit seinem Haselstock fluchend unserm Helden einige Hiebe auf, mit den Worten: „Schlemiehl, was richtest Du wieder für Unheil an!"... So lernte ich unfern Schlemiehl zum ersten Male kennen, und so hat er sich meinem Gedachtniß unauslöschlich eingeprägt. Als ich nach einem Jahre in die vierte Klasse avancirte, kam ich neben ihn zu sitzen. Denn ob er auch schon 12 — 13 Jahre zählte, saß er immer noch auf der letzten Bank der vierten Klasse. Ob seine Unwissenheit daran Schuld war, oder ob die Lehrer seiner überhaupt vergaßen, weil ste ihn schon seit 6—7 Jahren als Jnventarium der Klasse überkommen hatten, oder weil sie ihn in den höheren Klassen der Disziplin wegen nicht haben wollten. Genug, er saß da, und ich schloß Freundschaft mit ihm, und seitdem liebte er mich, und ließ nicht von mir bis er gestorben.... O, es befriedigt mich noch heute, wenn ich mich erinnere, wie oft, wenn er die schielenden Augen auf mein Frühstück senkte, und seufzte, aber nicht sprach, ich ihm den größern Theil reichte, der freilich schnell in die große Höhle, die er seinen Mund zu nennen hatte, verschwand — ohne sie zu füllen. Seinen Hunger Hab' ich da wol nie gestillt — denn ich erfuhr später was das heißen wolle — aber seinen gereizten Appetit Hab' ich doch befriedigt. Das freutmich noch jetzt, und ich habe mich als Knaben ordentlich darum lieb. Schlemiehl, warum bist Du gestorben, ehe ich im Amte war, ich hatte Dich wahrhaftig öfter satt gemacht, wie viel dies auch geheißen hatte! Aber seine Freundschaft war mir auch nützlich. Zuerst vertheidigte er mich gegen alle meine kleinen Feinde wie eine Mauer — wie eine Mauer, denn da ec me wieder schlug aus Gutmüthigkeit und aus Furcht, denn für sich war er sehr feige, so sing er nur die für mich bestimmten Schläge auf. Dann lenkte er den Unwillen der Lehrer oft genug von mir ab, indem er die Schuld eines lustigen Streiches auf sich nahm, obgleich da die Lehrer öfter den Kopf schüttelten, weit sie solche Dinge aus dem Kopf des Schlemiehls nicht gekommen glaubten. Aber die guten Herren waren ja froh, wenn sie Einen hatten, den sie bestrafen konnten, um die Sache los zu sein. Dann begleitete er mich überall hin, und wo ein Nest vom Baum, oder ein Ball vom Dache zu holen, oder Maikäfer zu sammeln, Schmetterlinge zu fangen, Pfeifen zu schneiden waren und all dergleichen, da hieß es: Schlemiehl, voran! und wenn auch derblaue Frack und die gelbe Hose dadurch noch mehr Risse und Flecken bekamen, was schadete es, es fand sich ja wol wieder eine solche Rarität... . (Fortsetzung folgt.

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