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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-06-03 · Heft 23 (3.6.1850) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 23 (3.6.1850)
Date
1850-06-03
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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306 So steh' ich auf der hohen Warte, Und künde laut die Zeit, die Zeit: Vielleicht daß nach dem treuen Wächter Einst Juda srägt, wenn es erwacht! Leitende Artikel. Magdeburg, 26. Mai. Die Judenverfolgungen in Mähren. Es war wol eine überraschende Erscheinung, daß, nachdem eben die Zustände im Kaiserstaate wieder einen geordneter» Charakter angenommen, und in das Geteis ruhigerer Entwickelung überlenkten, wieder eine Judenverfolgung, eine Mißhandlung friedlicher Bürger jüdischen Glaubens, und zwar in einer Provinz, die von den Bewegungen der verflossenen zwei Jahre am Wenigsten berührt worden, ausgebrochen. Wir haben bis jetzt dergleichen Vorgänge verknüpft gesehen mit den Anfängen revolutionärer Erschütterungen; wir erlebten sie 1820, als die Demagogie in Deuschland sich regte; wir erfuhren ihre Schrecknisse 1848 vom Elsaß bis an die türkische Grenze. Die Judenmißhandlungen den Uebergang zur bürgerlichen Gleichstellung begleitend uns zu zeigen, war der Provinz Mahren aufbehalten. Was früher von den Gegnern der Emanzipation oft genug als Schreckbild ausgemalt wurde, wie das Volk sich, wenn die Gleichstellung von irgend einer Kammer und Staatsregierung ausgesprochen, sich erheben und die Juden verfolgen und in Emeuten mißhandeln würde, was aber nirgends sich bewahrheitete, weder in Frankreich, noch in Deutschland, noch in Italien — das geschieht in Mahren. Denn es ist keinem Zweifel unterworfen, daß die dortigen Vorfälle in jüngster Zeit durch Brodneid und Befürchtung, in seinem Kramervorrecht benacktheiligt zu werden, hervorgerufen worden. Die klugen Leute sagen: die Juden in Mahren tragen die Schuld; sie hatten sich gar nicht bemerklich, sie hatten das erlangte Recht noch nicht geltend machen, noch nicht benutzen sollen. Dies spricht die Feigheit. Wenn nach Jahrhunderten die Sonne der Freiheit zu scheinen begonnen, soll man sich in einen dunkeln Winkel verkriechend Wenn die Pforte des Kerkers geöffnet worden, soll man darin bleibend aus Furcht, es könnten Pöbelhaufen den Heraustretenden an der Schwelle mit Steinwürfen begrüßen? und diese Furcht sollte man in einem zivitisirten Staate hegen müssen? Und nicht allein die Feigheit — wenn auch die Juden gewartet hätten, den Ghetto zu verlassen, noch so lange: einmal wäre es doch gekommen, ja, je eher, je besser ist so etwas abgethan. Denn die Gewöhnung wird solche Hindernisse der Gleichberechtigung bald applaniren. Die österreichische Staatsregierung tritt diesen Verfolgungen energisch entgegen. Es liegt aber in ihrem eigenen Interesse, denselben auf's Energischeste entgegenzutreten. Es wäre ein böses Beispiel, wenn schon jetzt solche Auflehnungen gegen das Gesetz, solche Verhöhnungen der Sicherheit des Eigenthums und Lebens, also solche Aufwiegelungen gegen die Staatsgesellschaften, ohne strenge Ahndung, ohne nachsichtslose Unterdrückung bleiben würden. Solche Fieberschauern kennt man. Sie sind ansteckend. Sie pflanzen sich nicht blos von Ort zu Ort, sondern auch von einem staatlichen Gebiete auf das andere mit ungeheurer Schnelligkeit fort. Sie sind eine Schule für anderartige, eine Schule, in welcher die Fortschritte reißend von der in diesen Dingen sehr gelehrigen Masse gemacht werden. Sie bedeuten daher mehr, als die Mißhandlung einer kleinen Zahl Menschen. Sie sind die Keime größerer Krankheit, welche man nicht aufkommen lassen darf. Zuletzt werden sie dann für die Juden den Vortheil haben, daß sie der Staatsregierung Gelegenheit geben zu zeigen, wie groß der Ernst ist, mit welchem sie die Gleichstellung durchgeführt haben will. Zwei Fragen über die Zukunft der Synagoge. Derjenige, welcher mit den Fasern seines Geistes in der Synagoge wurzelt, der, nicht äußerlich, sondern mit dem ganzen, innersten Triebwerk seiner Seele ihr verbunden ist, wird aus der Gegenwart heraus zwei Fragen sich besonders vorlegen. Zuerst: welche wird die Stellung zu den übrigen Kulten sein, die die Synagoge einnehmen wiro? Mit dem antirevolutionaren Geiste, der jetzt in den europäischen Staaten der herrschende geworden, ist die Begünstigung der bestehenden Kirchen in einem Grade wiedergekehrt, wie sie seit einem Jahrhundert nicht stattfand. Der Sieg, den in Frankreich

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