Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1850)
- Date
- 1850-05-27
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
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293 K. Wie fo? A. Weit Sie in der Natur alles Individuelle vergehen, und nur die Gattung durch die Fortpflanzung der Individuen fortdauern sehen. Die Natur sagt zu Allem: stirb, doch bringe vorher wieder so ein Individuum wie du bist hervor, damit diese Art nicht aufhört. D. Jndeß können wir ja von der Natur auch keinen Erweis für die Unsterblichkeit des Menscheng eist es fordern, da sie ja nur mit der Körperwelt zu thun hat. <A. Sehr richtig. Allein dann müssen -Sie auch zugeben, daß die Natur darüber schweigt, und daß Sie, können Sie dieser Ueberzeugung nicht entbehren, sie wo anders her schöpfen und annehmen müssen, aus der Religionslehre, und das ist es ja, was wir uns klar machen wollten. Allein wir sind noch lange nicht zu Ende, und Sie müssen mich einmal noch eine Strecke dieses Weges begleiten. Ich muß Sie in der That nach Ihrer Ansicht von mancherlei Dingen fragen, um in unsrer Unterhaltung nicht über die Folgerungen zu streiten, wahrend wir über die ersten Sätze noch zweifelhaft sind. D. Bitte, fragen Sie nur. A. Sie erkennen an, daß weder in der Natur, noch Ln der Menschenwelt die Dinge nach dem Aufalte vor sich gehen? K. Sicher. <A. Dann nehmen Sie aber das Gegentheil an, nämlich daß die Dinge in bestimmter Ordnung zu einem bestimmten Zwecke vor sich gehen? K. Das versteht sich. A. Und darüber sind wir Beide nicht zweifelhaft: diese Ordnung geht von Gott aus, und diesen Zweck stellte dieser auf? P. Wir stimmen ganz mit einander überein. A. Den Zweck, den Gott in der Natur vor Augen hat, können wir leicht erkennen. p. Es ist der, die Wesen in ihrer Totalität zu erhalten. <A. Und darum hat er auch eine unveränderliche Ordnung festgesetzt, indem er Allem ein bestimmtes Naturgesetz, die Nothwendigkeit seiner Natur, einsenkte. Gerade darum findet auch in der Natur keine Veränderung statt, außer wie diese sich von selbst ergiebt, also keine Entwickelung. D. Ganz richtig. A. Mit diesen letzten Worten sind wir aber schon Ln die Menschenwelt hinübergetreten; wir haben für die Natur negirt, was wir in der Menschenwelt vorhanden finden. P. Wie so? A. In der Menschenwett findet allerdings Entwickelung, d. h. Veränderung, die sich nicht aus der Naturanlage von selbst ergiebt, sondern die absichtlich herbeigeführt wird, die ihre Nothwendigkeit im Gedanken, nicht etwa in dem materiellen Bestände hat, statt. §*. Sehr wahr, und dieser Gedanke oder Zweck ist der der Vervollkommnung, in und zu welcher die Menschheit strebt, wie die Geschichte uns hinlänglich erweist. «A. Sie kommen mir zuvor. Diese Entwickelung kann aber nur Ln sittlich freien Wesen vor sich gehen, in Wesen mit Freiheit des Willen begabt, in den Menschen. §*. Nun Ihre Folgerung hieraus? A. Diese ergiebt sich bald. Die göttliche Leitung in der Natur ist demnach der in der Menschenwelt diametral entgegengesetzt. In der Natur herrscht das Gesetz der Nothwendigkeit, dem die Wesen willenlos unterworfen sind, zu dem alleinigen Zwecke der Erhaltung der Totalität; die Leitung Gottes besteht also da lediglich in der Aufrechterhaltung dieses Gesetzes durch Seinen allmächtigen Willen. In der Menschenwelt hingegen besteht der Zweck der Entwickelung zur sittlichen Vervollkommnung, und die göttliche Leitung, die wir daher hier Vorsehung nennen, hat diesen allgemeinen Zweck vermittelst des freien Willens der Menschen in ihrer Individualität durchzuführen, was nur durch eine beständige Ein- und Anordnung aller einzelnen Fakten geschehen kann. D. Wir sind einig. A. Stehen sich aber so Natur und Menschenwelt hierin vollständig gegenüber, konnte uns da die Natur die Anschauung von der göttlichen Vorsehung geben, und kann jene für diese irgend einen Beweis liefern? oder haben wir uns diese Ueberzeugung nicht trotz der Natur und wider die Anschauung, welche die Natur uns giebt, zu verschaffen und zu erhalten? p. Ich kann es nicht leugnen. <Ä. Hier haben wir vielmehr für die Lehre, welche die Religion uns giebt, ein anderes Erweismittel als die Natur, nämlich die Geschichte. So wie wir den Erweis der Religionslehre über das Dasein Gottes, dessen Allmacht und Allweisheit in der Natur suchten und fanden — so suchen und finden wir den Erweis der göttlichen Vorsehung in der Geschichte. P. Ganz recht. Je wichtiger aber die Lehre von der göttlichen