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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-05-27 · Heft 22 (27.5.1850) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 22 (27.5.1850)
Date
1850-05-27
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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292 A. Die beiden Grundprinzipien der sittlichen Ordnung sind aber? P. Die Gerechtigkeit und die Liebe. A. Wir sind ganz einverstanden. Nun frage ich Sie aber einfach: finden Sie in der Natur Etwas von Gerechtigkeit und Liebe? K. Und wie nicht? Ist nicht für jedes Wesen nach seiner Art gesorgt? Ist nicht jedes Wesen seinem Zwecke gemäß eingerichtet und lebet danach? A. Es scheint so, aber es ist nichtso. Wir sind gutmüthig genug, es so anzunehmen. Aber sehen wir naher zu. In der Natur ist Alles so geordnet, daß das Leben des Einen nur durch den Tod des Andern erhalten wird. Eines gehet auf in das Andere. Eines wird geopfert für das Andere. Nicht etwa, daß das Belebte allein durch das Leblose existire, ja selbst daß das Thier allein durch die Pflanze bestehe, sondern auch die Höchstorganisirten existiren nur durch die gegenseitige Vernichtung. Wie viel Leben verschlingt jeder einzelne Mensch für seine eigene Person, wie viel der Löwe bis zum Ameisenbär und das zarte Vögelchen, das sich Fliegen zum Mittagbrode fängt. Auf dieses Gesetz ist die ganze Natur, so weit sie unsrer nähern Beobachtung offen steht — und von dieser können wir doch auch nur sprechen — zusammengebaut, und so finden wir allerdings die Gerechtigkeit, welche jedem Geschöpfe das volle Seinige zutheilen würde, nicht in der Natur bewahrt, und die sittliche Ordnung der menschlichen Gesellschaft käme schlecht weg, wenn sie sich nach dem Beispiele der Natur gestalten wollte. p. Sehen wir aber Solches nicht auch oft genug in der Gesellschaft? II. Ja, wir sehen es, aber das ist eben wider die sittliche Ordnung der Gesellschaft. Vergessen wir nicht, daß die Gesellschaft von der Naturstufe ausgegangen und nach einer vollkommnern sittlichen Ordnung hinstrebt, für welche wir aber keinen Beleg in der Natur finden. p. Aber die Liebe? Sehen Sie, wie der Adler selbst seine Jungen atzt, wie der blut- und beutegierige Tiger seine Jungen versorgt, wie das schwächste Vöglein sich kühn, um sie zu vertheidigen, dem stärksten Raubvogel entgegenstellt. Wollen Sie mehr Beweis für die Liebe, als diese, die durch die höheren Schichten der Thierwelt gebreitet ist? A. Allerdings, Freund, will ich mehr. Ich raume ein, daß diese Elternliebe in der Thierwelt, aber auch da, wie Sie richtig bemerken, nur in den höheren Klassen, vorhanden. Aber damit hört es auch auf. Sie können fürwahr die Gattenliebe nicht hierherziehn, denn sie ist bei den Thieren eben nur die Sinnlichkeit. Die Kindesliebe ist nirgends verspürbar; die Geschwisterliebe gar nicht vorhanden, und von einer Liebe, die über ein verwandtschaftliches Verhältniß hinausgeht, nicht eine Ahnung. Es bleibt Nichts übrig, als jene Liebe der Eltern für ihre Jungen, deren freilich die Natur nicht entbehren konnte, sollte sie ihr eignes Werk nicht preisgeben. Und wie ist auch diese so kärglich zugeschnitten? Sobald das Junge für sich besteht, trennen sich Eltern und Junge, und kennen sich nach kürzester Zeit nicht mehr, ja kreuzen sich geschlechtlich vielleicht bald mit einander. Gerade die Elternliebe ist aber auch die mindest hochstehende, da die Jungen, insonders in dieser ersten Zeit, noch wie Theile der Eltern selbst zu betrachten sind. Nein, Freund, der Schöpfer hat nicht die Liebe zum Gesetz seiner Schöpfung gemacht, sondern zum alleinigen Motiv: die Selbsterhaltung jedes Individuums, und zum alleinigen Mittel: die Gewalt, das Vermögen. Was Jeder vermag, das überwältigt er und gebraucht es zu seiner Selbsterhaltung, wenn es dieser dienen kann. Liebe, das ist Aufopferung des Eigenen zur Erhaltung des Andern, Liebe hat er allein für den Menschen bewahrt, der aber für diese als Prinzip der sittlichen Ordnung sich vergebens in der Natur nach einem Beispiele, nach einem Erweise umsteht. §5. Ich gestehe, daß ich die Dinge nicht also anzusehen pflegte; doch könnte ich mir hierin helfen, indem ich sagte, daß Gerechtigkeit und Liebe zur Natur des Menschen so gehören, daß sie sich natürlich selbst bewiesen. <21. Das wäre freilich schon ein sallo mortale von Ihrem ursprünglichen Standpunkte. Sie werden es selbst als eine kleine Spiegelfechterei erkennen. Aber lassen Sie uns lieber weiter gehen. Glauben Sie an die Unsterblichkeit des Menschengeistes? D. Ganz und gar. Ich müßte diesen weisen und gütigen Gott in der Natur nicht begreifen, um nicht einzusehen, daß er im Menschen das unvollendetste Wesen, ein Bruchstück sonder Gleichen geschaffen hatte, ohne die Fortdauer und Vollendung nach dem Tode. A. Gut; das ist aber eine Folgerung aus Gott, nicht aus der Natur. Es handelt sich ja in unserer Untersuchung darum, was uns die Natur in ihren, vor uns liegenden Erscheinungen lehrt. Was hatten sie aber aus dieser selbst für einen Beweis heranzubringen? Ich dächte, Alles was die Unsterblichkeit zurückwiese?

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