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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-05-20 · Heft 21 (20.5.1850) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 21 (20.5.1850)
Date
1850-05-20
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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286 Neustadtl an der Waag, 3. Mai. Ihre Leser werden sich erinnern, daß die Judenplünderungsmanie vor zwei Jahren verschiedene Städte und Dörfer der nordwestlichen Komitate Ungarns wie eine Epidemie durchwanderte, und nächst Preßburg, vorzüglich in Neustadtl an der Waag die schrecklichsten Verheerungen anrichtete. Der Schaden wurde von der zur Untersuchung niedergesetzten Kommission auf 318,000 fl. K. M. angegeben. Nach den bisherigen Erörterungen des Gerichtes nahmen daran 43 Dörfer des neutraer und 24 des lrentschiner Komitats Theil. Sie können sich also wol denken, wie schwer es bei einer solchen Masse von Betheiliglen war, die Strafbaren herauszusinden. Unter dem Vorsitze des Herrn v. Ostroluszky wurde zwar von dem damaligen ungarischen Ministerium eine Untersuchungskommission niedergesetzt, welche sich aber schon nach vier Monaten durch die immer zunehmenden politischen Erschütterungen vertagen, und die Fortsetzung ihrer begonnenen Arbeit einer bessern, ruhiger» Zukunft überlassen mußte. Erst im Dezember vorigen Jahres, nachdem die rechtmäßige Regierung wieder festen Fuß gefaßt, wurde durch den Distriktsoberkommissär Grafen Forgacs bald nach seinem Amtsantritte eine neue Kommission zur Untersuchung und Aburtheilung der Verbrecher unter dem Vorsitze des Grafen Anton Dezaffe ernannt. Vorzüglich der glücklichen Wahl dieses Mannes ist es zu danken, daß diese schwierige Aufgabe, obgleich durch Veraltung um Vieles schwieriger gemacht, in kaum fünf Monaten, jetzt schon gelöst, und die Untersuchung beendet zum Urtheilsspruche bereit liegt. Es mußten 1946 Personen vernommen werden. Die Verhöre wurden immer im Beisein des Dorfrichters und Notärs gepflogen, um dem des Lesens und Schreibens unkundigen Angeklagten gleichsam Zeugen zu geben, und vor etwaiger Willkür des Verhörrichters zu sichern. Diese Maßregel durch den Präsidenten eingeführt, verlieh den Verhören eine Art vonOeffentlichkeit, und wurde vom Publikum als ein Schritt vorwärts anerkannt. Die Verurtheilten, nahe an 1700 an der Zahl, wurden in fünf Klassen eingetheilt, welche sich vom Aufwiegler und Rädelsführer bis zum Hehlerund einfachen Miteinverstandmen herabschattirt,und welcheAlle zum Schadenersätze beitragen, außerdem aber noch, je nach dem Grade ihres Verbrechens gestraft werden sollen. 17 Urtheile sind in Neutra schon vollzogen worden, die übrigen werden erst dem Oberlandeskommissär Baron Gehringer zur Begutachtung eingesendet werden. Am 9. d. M. beginnt die Kommission die nicht minder wichtige Untersuchung gegen die damaligen Magistratspersonen, welche den ganzen Sturm hätten ohne Mühe unterdrücken können, wovon sie trotz dem dringenden Wunsche des Kommandirenden keinen Gebrauch machten, und dem Krawall mit beinahe zunickenden und zufriedenen Augen zusahen. Die schnelle und kräftige Durchführung dieses Riesenprozesses, die würdige, unbestechliche Haltung des Gerichtes, die gerechte Bestrafung des Verbrechers, welchem Stande, Religion und Partei er auch angehören möge, wird die hiesige Bevölkerung am Besten von dem Anbruche einer neuen Zeit, und dem Wirken einer starken Regierung — welche die goldene Inschrift am Burgthore „Justitia fundamentum regnorum“ verwirklichen will — überzeugen. — Trotz diesem Strafgericht haben wir gerade jetzt über eine abermalige Verfolgung von Juden zu berichten, nämlich aus Trebitsch (Mähren), wie schon in vor. Nr. Trebitsch, 2. Mai. Der Lloyd schreibt: Aus Trebitsch vom 3. Mai geht uns von achtbarer Hand als Nachtrag zu dem von uns gestern mitgetheilten Berichte Folgendes zu: Gestern langte der Bezirkshauptmann aus Jglau hier an, um die vorgefallene Plünderung strenge zu untersuchen. Seine Ankunft wurde jedoch zu einer neuen Demonstration benützt. Die Häuser zweier jüdischer Familienväter, dle schon seit vielen Jahren in der Nähe der Stadt wohnen, wurden ebenfalls überfallen, doch wurde nur in einem derselben geplündert. Der Schaden der bisher stattgefundenen Plünderung ist sehr bedeutend und sind jedenfalls zwei aus achtzehn Gliedern bestehende Familien in diesem Momente brotlos. Unser Gemcinderath that fast nicht das Geringste und selbst unseren sogenannten Honoratioren mag dieser Anblick viel Spaß verursacht haben, denn sie sahen ruhig zu, daß bei Herrn Neumann 130 Stück feine Tücher und mehrere hundert Ellen Wollstoffe fortgeschleppt wurden und erst als Alles vorbei war, wurde die Nationalgarde zusammengetrommelt. Wir hoffen und erwarten strenge Gerechtigkeit, denn wir sind überzeugt, daß der größte Theil unserer gutgesinnten Mitbürger dasselbe wünscht.

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