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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-05-20 · Heft 21 (20.5.1850) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 21 (20.5.1850)
Date
1850-05-20
Page
Seite 279 (sequence 3)
Language
German
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279 1 * n p Nationen hingegeben, unter denen wir leben. Ja, wir gehören ihnen an mit Gut und Blut, wie irgend Jemand des Volkes. Wir sind, wie irgend Jemand, geeignet, in den Kampf zu gehen als Deutsche, als Franzosen u. s. f.; wir leben und weben im ^zdeenkceise der Nation, des Staates; wir trennen uns als Individuen in unseren politischen Ansichten ebenso nach den verschiedensten und entgegengesetztesten Richtungen, wie dies in allen europäischen modernen Völkern der Fall ist. Demungeachtet können wir auch nicht Leugnen, daß wir noch besonderes Interesse für unsere Glaubens- und Stammesgenossen überall Ln unserer Brust tragen. Die tägliche Erfahrung lehrt es. Spricht ein jüdischer Fremdling in unserm Hause ein, wir fühlen uns noch geneigter zur Hilfe. Geschieht einem Juden im fernen Ost, im entlegenen Süd ein Unrecht, eine Gewalt, wir fühlen uns mehr angeregt. Aeichnet sich ein Jude auf merkliche Weise aus, wir freuen uns ganz besonders dessen, und wenn es an den Marken der zivilisirten Welt stattsindet. Sind wir selbst in der Ferne, und es tritt ein Jude an uns heran, und ist just nicht von der abstoßenden Gattung, so heimelt uns dabei Etwas an, und wir werden schneller mit ihm vertraut. Ja, dies ist um so mehr hervorzuheben, da sich auch ein gewisses Schamgefühl, Jude zu sein, als Jude zu erscheinen, im letzten halben Jahrhundert unser bemächtigt hatte, ein Gefühl, das wol immer mehr Abschied nehmen wird. Wir unterstehen also hier einem unwillkürlichen Gefühle, es beherrscht uns, selbst wenn wir, was auch nicht sein sollte, uns dagegen sträuben. Es ist ein innerlicher Instinkt, dessen wir uns nicht begeben können. Fragen wir nun, woher dies? so können wir nicht füglich das gemeinsame Dogma als Grund angeben. Denn wir sind durchaus nicht solche Dogmatiker, daß das Bekenntniß allein die Erklärung für unsere Anhänglichkeit abgäbe? Auch haben sich ja Verschiedenheiten genug in Denk- und Anschauungsweise unter uns aufgethan, als daß, wenn wir Dogmatiker waren, daraus nicht Haß, statt Liebe, unter den Parteien entstanden sein müßte. Auch was früher gelten konnte, das gemeinsame Schicksal, erklärt langst Nichts mehr: denn unser Schicksal war ja seit 1780 so sehr verschieden unter den verschiedenen Völkern, daß das Gemeinsame des Schicksals ganz aufhörte, und sich nur auf eine gewisse Solidarität in ganz allgemeinen Dingen reduzirte. Indem wir also den beiden gedachten Momenten immer noch einige Kausalität zuschreiben, müssen wir doch ein tiefer Liegendes, ein Psychologisches annehmerr, das im untersten Grunde auf einem Gemeinsamen ruht. Sehen wir etwas tiefer: so können wir nicht verkennen, daß gerade in dieser geschichtlichen Entwickelung, aus einem gemeinsamen Stamme entsprungen, den verschiedensten Nationen eingesenkt worden zu sein, em gemeinsames Geschick beruht, das von tiefernstester Bedeutung ist. Wir stammen AAesammt aus einem bestimmten Theile der Erde, und sind allen Länderstrichen akklimatisirt. Wir waren einst eine Nation, und sinld jetzt allen Nationen der Erde amalgamirt. Dies ist eine geschichtliche Entwickelung, die ihre Wirkung haben muß. Sie widerspricht freilich abermals denen, welche dl< Geschichte leugnen, und die Menschen zu absoluten Selbstbestimmlern machen wollen. Es muß aus dieser Entwickelung nothwendig resultiren, daß der Jude allerdings der Nation seines Vaterlandes angehören, dennoch aber eine kosmopolitische Tendenz, eine allgemeinmenschliche Richtung behalten wird. Was so eigentlich jedes Menschen ist, der sich ebenso wenig seiner Individualität entkleiden, wie der Allgemeinheit entschlagen kann — das spezialisirt sich im Juden, weil es in ihm zu eine« speziellen Wirklichkeit geworden. Und nun? Dies gerade ist das Verhaltniß, das ich uns in diesem Briese von Anfang an klar machen wollte. Wir brauchen und dürfen dieses Verhaltniß nicht verschweigen, ja wir müssen es pflegen. Es ist osfnibar ein einseitiges Spiel, wenn man für Nationalität raset, und das Kosmopolitische, das Allgemeinmenschliche beseitigt, ja verhöhnt, verfolgt; noch einseitiger, als wenn man sich des Nationalen überheben und alle Menschen in einen Topf werfen will. Gegen die Leidenschaft für das Nationale spricht die Geschichte und die Natur. Die Geschichte: denn wo ist denn ein Volk, das nicht andere Elemente in sich ausgenommen? Selbst das jüdische konnte sich der kanaanitischen, z. B. der Jdumaec n. a. in frühester und spaterer Zeit nicht erwehren. Und wo ist die Grenze des Nationalen? Wir brauchen nicht an Deutschland zu denken, wo jede Provinz noch ihre besondere kleine Nationalität hegt und pflegt; aus n>k verschiedenen Nationalitäten besteht Frankreich; aus wie vielen Stämmen ist England erwachsen; und wohin sind nicht Franzosen, Engländer, Deutsche verpflanzt wo«ben! Aber auch die Natur. Denn der Mensch bleibt dennoch immer Mensch, und das alte homo sum, nihil humani a me aiienum puto behalt seine Wahrung. Es ist dies die Bestimmung des Menschen, auch hierin ein Mittet- *

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