Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1850)
- Date
- 1850-05-13
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
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273 er die Folgen noch weniger zu scheuen. Aber da am Ende wir doch nur eine Minderheit sind, und die Wirkungen der religiösen Gleichgiltigkeit im Angesicht der Verschiedenheit der Meinungen über die Organisation des Kultus noch traurigere Folgen für uns haben können, so ist es gut, daß die, welche auf das Rabbinat aspiriren, nicht vergessen, daß sie in sich hauptsächlich die Mittel finden müssen, diese schwere Prüfung zu ertragen. Kenntnisse sind das beste dieser Mittel; sie allein geben die Energie, welche Achtung einflößt; sie allein verleihen den Einfluß, ohne welchen der Rabbine Nichts für das Heil seiner Gemeinde vermag; sie allein machen von Menschen und Dingen unabhängig." „Der eine und der andre deutsche Rabbine würde mit Erfolg einen Lehrstuhl der Philosophie oder Arj chäologie besteigen; ein wahrhaft unterrichteter Rab-! bine ist ein unentbehrlicher Rathgcber, Leiter; ein! guter Prediger, der die Falten des menschlichen Her- I zens kennt, seine Zuhörer zu erregen und zu belehren j versteht, ist, betreff seiner Stellung, über dem Wechi sel der politischen Begebenheiten. Die mittelmäßigen; Menschen bedürfen der Beschützer; oje höheren Geister ' sind durch ihre Wissenschaft und ihren Charakter beschützt." Die Wahrheit dieser Bemerkungen haben wir in Deutschland schon längst, besonders in den letzten beiden Jahren gemacht, da die meisten deutschen Rab- . binen ihre Stellung allein ihrem Talent, Charakter j und Ansehn verdanken. Sollte die von der Redaktion der Aich. ausgesprochene Befürchtung eialreffen, dann würde sich abermals zeigen, daß eine solche Besoldung der jüdischen Synagoge durch den Staat stets nur eine Durchgangsperivde ist, die darum später um so lästiger, weil es viel schwieriger, eine Bürde, die inan nicht gewohnt, auf seine Schultern zu nehmen, als eine alte, gewohnte fortzutragen. —. Was als ein dort sehr bedeutender Schritt angesehen werden kann, ist, daß der Großrabbine von Paris den ersten Peßachtag das Talgebet gestrichen hat. —. Was das Geld nicht Alles thut — der 26jährige Alphons von Rothschild ist nicht allein vom Minister zum Mitgliebe des allgemeinen Rathes für Landbau, Manufaktur und Handel, sondern auch von den Wählern von Bordeaux mit 220 gegen 260 Stimmen zum Mitgliede des jüdischen Zentralkonsistoriums erwählt worden. Da das Gesetz 25 Jahre fordert, so wird man beim Minister um Dispensation einkommen, und der wird sie schwerlich verweigern. So sieht man zweierlei: daß der Verstand doch vor den Jahren kommt, nämlich durch Geld, und daß auch die Juden Frankreichs nicht ablaffen von der alten Unsitte, die Reichen als ihre natürlichen Vertreter anzusehen! —. Die Arch. isr. enthalten folgenden Artikel: Paris, obgleich seit langer Zeit eine beträchtliche israelitische Gemeinde, gelangt nur allmälig dahin, eine Kehilla zu bilden, welche ihre eigenen Institute hat, wie Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main rc. Jndeß ist die Anregung gegeben; die Institute erstehen nach und nach; schon sind Legate und Renten mit bestimmten Zwecken da, wie die Legate Sieger, Halphen, Romilly, Anstalten gegründet oder freigebig ausgcstattet, durch die Familie Rothschild, für junge Mädchen, Wöchnerinnen rc. Dank der Freigebigkeit der Stadt Paris besitzen wir eine Knaben- und eine Mädchenschule. Eine Konsistorialkommission verschafft den israelitischen Armen von Paris Unterstützungen, durch freiwillige Gaben und Subskriptionen. Das Minimum der Letzteren beträgt 18 Fr. (44/s Thlr.). Zu der Zahl der nothwendigsten Anstalten gehörte ein israelitisches Hospiz. Was man auch für eine individuelle Meinung hat, besonders in Betreff der Nahrungsmittel, so ist es doch Pflicht einer israelitischen Verwaltung, für die zu sorgen, welche lieber sterben würben, als in ein Hospital gehen, wo das Gesetz nicht beobachtet werden kann. Denkt man übrigens an die Versuche des Klerus, der „Seelen zu fischen" sucht, und der oft Helfershelfer selbst gegen den Willen der Verwaltung des Krankenhauses findet, so wird man nicht leugnen können, daß ein israelitisches Krankenhaus norywmdig ist. Man denke sich die Angst des Sterbenden, der sich in seinen letzten Augenblicken von denen belagert sieht, die ihn anbeten lassen wollen, was er stets verworfen, und verwerfen, was der Trost seines ganzen Lebens war! Paris besitzt seit 1842 ein Ajyl oder Hilfshaus, das 10 Betten besitzt, und Kranken offen steht, die von hitzigen Krankheiten ergriffen sind. Aber wie kann eine solche Anstalt einer so zahlreichen Bevölkerung genügen! Jndeß Dank dem Herrn I. v. Rothschild, Paris wird ein israelitisches Krankenhaus besitzen. 20*