Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1850)
- Date
- 1850-05-06
- Page
- Seite 253 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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233 könnte manche Gemeinde eine schöne Summe Geldes ersparen und Solche zu ihrer Schule verwenden, die bis jetzt — noch im Jahre 1850! — ihre Mitglieder, Falls sie Haus- oder Ackerbesitzer sind, zum Bau einer Pfarrerei, oder auch nur einer Wagenremise für den Herrn Pfarrer beitragen müssen; — wer kann es aber dem Gedrückten und Aengstlichen so gar sehr verargen, wenn seine Kraft gelähmt ist und er, aus Furcht daS Uebel zu verschlimmern, lieber das bisherige, bereits gewohnte Schlimme, weniger erträgt, als ferner mit sich fortschlrppt. Also auch da wäre wol eher den Rabbiner, der unterlassenen Anregung, und den größeren Gemeinden des schlechten Vorbildes wegen die Hauptschuld beizumessen: da von ihrer Seite so gar Nichts geschehen, um die Gemeinden zu erkräftigen und zu einem Zusammenhalten — wenn auch nur anfänglich in wenigen Punkten, der gute Erfolg hätte schon weiter geführt — zu veranlassen. Guter, aber leider nur zu schwacher Wille ist da; das haben die kleinen Gemeinden, wie ich z. B. oben, bei der Zusammenkunft in Breslau nachgewiesen, genügend dargethan; — gerade aber die größeren Gemeinden mit ihren Chorführern — mögen sie Vorsteher- oder Rabbinatskollegium heißen, orthodoxe Rabbiner oder moderne Prediger an ihrer Spitze stehen — haben so gar Nichts zur Hebung desselben, oder vielmehr so Vieles gethan, daß derselbe durch das schlechte Vorbild unterdrückt und gegen Alles was von dieser Seite kam mit großem Mißtrauen erfüllt wurde. Dieses Mißtrauen ist aber, sobald sich nur ein reines Streben darthut, bald gehoben. Daß ich hierbei nicht übertreibe, dürfte die Erfahrung zeigen, wie die, neulich vom Vorstande der berliner jüdischen Gemeinde ausgegangene Aufforderung, den Antrag auf Abschaffung des Judeneides zu unterstützen, allenthalben große Freude verursacht und gewiß die geforderte Beistimmung erhalten hat. Wir wollen hoffen, daß dieser Vorstand mit diesem ersten Schritt die Bahn eröffnet hat, die er nun sich und Anderen zum Heile weiter fortschreiten wird; gerade aber dieser Hoffnung wegen, erlauben wir es uns offen herauszusagen — möge man uns ja nicht mißverstehen! — wie der jetzt gethane zweite Schritt: die Aufforderung zur Bildung einer jüdischen Zentralbehörde — der Zeit und der Art nach nicht ganz passend erscheint. Der Zeit nach hätte der berliner Vorstand zuvor die Einigkeit in der eigenen Gemeinde herzustellen suchen und dann noch Einiges ihm naher Liegende vornehmen sollen, um sich das Vertrauen der anderen Gemeinden zu erwerben, und Solches mit vollem Rechte dann in Anspruch nehmen zu können. Wir wollen z. B. nur erwähnen, wie eine energische Ab- und Zurechtweisung der oft in der Kreuz-, besonders aber in der A. Gewerbezeitung No. 11 und 12 erhobenen Anschuldigungen gegen Judenthum, — eine Petition, die Wahltage nicht, wie es jüngst geschehen, auf den Sabbat anzusetzen — und eine um baldige Verleihung der Korporationsrechte für jüdische Gemeinden, gerade von der berliner Gemeinde zuerst hätte ausgehen und den anderen den Beweis liefern müssen: wie hier in der Thal hohe Intelligenz und guter Wille gepaart sei; damit wäre auch unbedingt der schönste Impuls zum Zusammenhalten und Nacheifern gegeben worden. Möglich aber, daß dieses Alles erst im Verein angenommen werden soll und der berliner Vorstand gerade deshalb so bald mit der Aufforderung hervortrat, um gar keine Zeit zu versäumen; — damit wäre die Bemerkung wegen nicht ganz passender Zeit vielleicht zu beseitigen. Anders aber verhält es sich mit der Bemänglung der Art dieser Aufforderung. Wie freudig und anerkennend man auch allgemein den Plan einer Zentralisation begrüßt, so höre ich doch ebenso allgemein, wiewol mit großer Scheu, da noch mißtrauen zu müssen, wo man so gern vertrauen wollte — davon sprechen, daß die Aufforderung etwas zu berlinisch abgefaßt sei. Da dieses Wort auch in anderen Kreisen aus anderen Verhältnissen gäng und gäbe geworden, so brauche ich es erst nicht zu kommentiren, und kann daher zu den speziellen Bemerkungen übergehen. So findet man gleich die Benennung „Behörde" ungeziemend, um so mehr, als es im Zirkular ausdrücklich heißt: Ohne einer solchen Behörde etwa eine ausschließliche Gewalt, eine Suprematie beilegen zu wollen." Ebenso hat manche Stelle, z. B.: „Der Sitz einer solchen Behörde ist am Angemessensten die hiesige Gemeinde, die an Jntelligenzmitteln reich, seit Jahrzehenden die Impulse für das jüdische Leben gegeben hat" — und der vornehm klingende Schluß der Aufforderung nicht ganz zu Herzen sprechen können.