Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1850)
- Date
- 1850-05-06
- Page
- Seite 251 (sequence 3)
- Language
- German
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251 Laß mich in einem nächsten Schreiben dies weiter verfolgen. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 28. April. (Voss. Ztg.) Der jetzige provisorische Vorstand der jüdischen Gemeinde beabsichtigt durchgreifende Reformen mit den Gemeindeinstituten, besonders mit den Schulen, vorzunehmen, deren bisherigen Lehrern er bereits ihre Entlassung zum 1. Juli d. I. angezeigt hat. Die Vorgesetzte Schulbehörde möchte sich jedoch in Folge dessen wol veranlaßt sehen, dem Borstand das Unstatthafte eines solchen Berfahrens in Erinnerung zu bringen. Hierbei können wir hinzufügen, daß die städtische Schuldeputation ihren auf Vorschlag des jüdischen Gemeindevorstandes gefaßten Beschluß, durch den Magistrat bei den Stadtverordneten darauf antragen zu lassen, daß dieselben den hiesigen Rabbinatsassessor vr. Sachs als Mitglied in die Deputation hinein wählen möchten, aus mehrfachen Gründen jüngst wieder ausgehoben hat. Die Spaltungen in der jüdischen Gemeinde werden übrigens täglich größer und drohen die gänzliche Auflösung derselben. Berlin, 29. April. (Privatmitth.) Niemand kann sich eine Vorstellung von dem traurigen Zustande machen, in welchen die hiesige Gemeinde versunken ist, und Niemand kann voraussehen, wie diese Dinge sich gestalten sollen. Man kann dem gegenwärtigen „provisorischen" Vorstande nicht anders als den besten Willen und die nöthige Thatkraft zuschreiben — aber die innere Auflösung ist zu weit gediehen, als daß sie durch eine, auf Nichts gestützte, und von allen Seiten angefeindete Autorität überwältigt werden könnte. Jetzt wird die Saat geerntet, die so lange gesäet worden. Trägheit und Hochmuth erhalten die Früchte, die sie reifen ließen. Man muß nur nickt glauben, daß we, sentlich Fanatismus, Glaubensparteiung, Meinungskampf die Faktoren dieses Streites wären — das wäre fürwahr! noch Glück, denn selbst eine Spaltung, die Trennung in mehrere Gemeinden verschiedener religiöser Richtung könnte doch wenigstens zur festen Bildung einzelner Körperschaften führen. So ist es aber einerseits nur ein Streit der Persönlichkeiten, andererseits die totale Gleichgiltigkeit, welche das alte Band zerfasern läßt, ohne ein neues anknüpfen zu lassen. Der Vorstand, der die faulen Flecken der alten Institute wol kennt, möchte sie reformiren, rekonstruiren. Aber da stehen die abgenutzten Persönlichkeiten mit ihrem Anhang gegenüber; dort die Reformer, deren Leiter Nichts wollen, als ihren luftigen Bau bei dieser Gelegenheit mit tüchtigen Stücken zu versorgen; drüben die Orthodoxen, die überhaupt Nichts wollen, als daß sie ihre alten Anstalten mit ihren alten Faullenzern erhalten — und da soll eine Macht der Erde was schaffen! Ueberall daher Anstoß und Zusammenstoß, wodurch der Vorstand bald ganz allein stehen, und, ich fürchte, des ganzen Treibens müde, die Dinge sich selbst überlassen wird. Und was dann? Sauve qui peut! Es bleiben dann nur die Minjanim und die alten Fonds übrig. — — So weit mußte es kommen; denn eine Religionsgemeinde, die aus zu heterogenen Bestandtheilen zusammengesetzt ist, und der alle Bindemittel fehlen, kann zu nichts Anderm Hinströmen. Um diese Erfolge zu verhindern, hätte seit langen Jahren vorgearbeitet und durch Regsamkeit und Liebe gebaut und geschafft werden müssen. So aber begnügte man sich von Zeit zu Zeit mit einer fanatischen Predigt, welche, wenn der Perlenschaum der Phrase verrauscht war, nur Unbehaglichkeit hinterließ, während man sich nach gethancr Arbeit hinter die Kulissen zog und die spanischen Dichter studirte. — — Man kann cs nicht verkennen, daß in den jüdischen Gemeinden seit langer Zeit ein heilloses Spiel getrieben worden, dessen Wirkungen jetzt zu Tage kommen. An Mahnungen hat es nicht gefehlt. Von der einen Seite am grünen Tische des Vorstandes Männer, die durch Nichts ausgezeichnet waren, als durch — Geld; von der andern Seite Geistliche, die, statt auf alle Weise Einfluß auf die Gemeinde zu gewinnen — nicht durch jesuitische Umtriebe und hierarchische Bestrebungen — sondern durch die eifrige Bemühung, im Kleinen und Großen alles Gute zu fördern, Armen, Wittwen und Waisen ein Versorger, der Jugend ein Lehrer, den Bedrängten ein Freund zu sein, in alle Kanäle den Geist der echten Religiosität zu leiten, sich stolz zurückziehen, in der Einsamkeit grollen, und von da aus ihre seltenen Blitze schleudern. Die Engherzigkeit waltete hüben und drüben, und ließ den Baum des Lebens verdorren, von dem