Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1850)
- Date
- 1850-05-06
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Sozialismus gar kein willkürliches Erzeugniß ist, sondern nochwendig von dem Geiste erzeugt werden mutzte, der seit 60 Jahren die europäische Menschheit durchstürmt. Er ist eben das andere Extrem, dem der Geist des Mittelalters das erste war. Aber so wie sein Gegenpart auf dem Jrrthume beruhte, indem allerdings die Menschen als gleichartige Wesen dieselben allgemeinen Rechte besitzen müssen; ebenso beruht dieser Geist der Gleichmachung auf dem Jrcthum, da die Menschen in ihrer Persönlichkeit völlig von einander verschieden sind. Ich will diesen Gedanken nicht weiter verfolgen, aber hindeuten wollte ich, daß der in den letzten Jahren so thärig gewesene Geist der Gleichstellung aus seinem gesellschaftlichen Gebiete hinüberzufluthen begann in das Gebiet der Ueberzeugung, und die bürgerliche Gleichstellung der Konfessionen zu einer Gleichheit der religiösen Ueberzeugung, d. h. zur Vernichtung derselben machen wollte. Da er hier aber sich scheute zwangsweise aufzutreten, und Zusagen: „Ihr müsset Alle Gleiches glauben" — gab er vor, es glaubten Alle schon dasselbe, und alle Konfession wär' überflüssig; d. h. allerdings mit anderen Worten, es glaubten Alle Nichts, weil, wenn das herausgezogen und abgezogen werden soll, was Alle wirklich gleich glauben, eben Nichts übrig bleibt. Niemals ist dabei zu verkennen, daß dieses Verfallen in ein andres Extrem wesentlich bewirkt wird durch die hartnäckige Behauptung des ersten, trotz der allgemeinen Erkenntniß seines Unrechts. Da in Nordamerika niemals ein Adel ge- und unterdrückt hatte, der Religions- Haß niemals seine Geißel geschwungen, hatte die Erklärung der Gleichberechtigung aller Bürger nicht eine einzige gesellschaftliche Zuckung in ihrem Gefolge. Die heftigen ultramontanen Bestrebungen der jüngsten Zeit, von so vielen Höfen möglichst gefordert, waren am Meisten Schuld, daß man daran dachte, sämmtliche Altäre umzustürzen. Der heftigste Anfall dieser Krise ist für jetzt wol vorüber; aber wenn irgendwo darf man auf diesem Gebiete nicht umsonst erfahren und gelernt haben. Diese Erfahrung kann aber Nichts nützen, wenn vor Allem nicht klar gemacht wird, was man erfahren habe. Ich will es Dir mit wenigen Worten sagen, mein Freund, es ist: daß in der Religion Alles innerlich sein muß, daß wir daher vor Allem dahin streben müssen, uns Alle in der Religion zu verinnerlichen. Du kennst mich zu gut, mein Theurer, als ob ich jenen Mystizismus, ein Spiel der Phantasie, oder jenen Pietismus, ein Spiel mit der Phantasie, die Beide dem Judenthume stets nur erkünstelt ausgepfropft wurden und werden, mit meinem obigen Satze meinte; ich will weder, daß der Midrasch zu Glaubenssätzen erhoben werde — den weiter ist der moderne jüdische Mystizismus Nichts — noch daß die christlich-pietistischen Phrasen auf das Judenthum übergepflanzt werden, wo sie erst recht verdorren müssen. Aber es wird uns klarer werden, wenn wir Zwiefaches in Erwägung ziehen; zuerst daß die letzten Dezennien des Judenthums nur hauptsächlich das Abputzen und Ausschmücken der Kultusform zum Inhalt hatten, etwas sehr Nothwendiges, etwas höchst Angemessenes, aber doch immer nur etwas Formelles, wobei mehr der Geschmack als die Gesinnung und die Ueberzeugung beansprucht und befruchtet wurde; zweitens und ganz besonders, daß das kosmopolirische Element im Judenthume zu sehr gepflegt wurde. Wenn eine Religion stets von ihrem Allgemeinwerthe spricht, und ihr Dasein damit gewissermaßen entschuldigen will, wenn sie immerfort dahin weist, was Ln ihr und aus ihr die Menschen dereinst Alle erkennen würden und müßten, so verflacht sie sich selbst, läßt ihr spezifisches Wesen außer Acht, und ist selbst schuld, wenn man zuletzt sagt, wir brauchen, dich nicht mehr, das Allgemeingut, das du uns bietest, haben wir schon. Nein! wir müssen innerlicher werden im Judenthume, d. h. wir müssen wieder spezifischer werden. Von jenem Spezifischesten aller Spezifika, dem talmudischen Judenthume, sind wir zu einer Allgemeinreligion hinübergesprungen, als wenn wir Nachmittag schon den Grundstein zum „Bethaus für alle Völker" legen wollten. Ungeduldiges Menschengeschlecht, das tausend Male erfahrt, es laßt sich Nichts übereilen, es reift in der Menschheit nach Jahrtausenden, weil die Menschheit auf Jahrtausende angelegt ist — und abermals den Jrrthum tausend Male begeht, und fertig machen will, was sich nicht fertig machen laßt, weil es nur aus sich selbst fertig werden kann! Also auch hier müssen wir vom zweiten Extrem uns abwenden, in das wir gerathen waren. Wir müssen begreifen, daß das Judenthum nicht allein da ist, um in und nach neuen Jahrtausenden noch immer die Mutter aller Gotteslehre zu sein, sondern daß es auch da ist, um 8 oder 9 Millionen Bekenner, deren religiöse Anschauung in ihm ruht, zu befriedigen, um dem historischen Stamm, der Juda heißt, der religiöse Inhalt, das religiöse Leben in allen seinen Geschlechtern zu sein.