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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-04-22 · Heft 17 (22.4.1850) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 17 (22.4.1850)
Date
1850-04-22
Page
Seite 222 (sequence 2)
Language
German
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822 anderen Gründen — sich weigerte, die im Judenedikt von 1812 in Aussicht gestellte Verfassung der jüdischen Kirche in's Werk zu richten. — Als man unter dem Ministerium Eichhorn die Religionsfreiheit innerhalb der jüdischen Gemeinden mit scheelem Auge anzusehen begann und von einer beabsichtigten Beschränkung derselben im Publikum verlautete, da beeilten sich die sechs Aeltesten der berliner Judengemeinde, der Regierung einen „Gesetzentwurf, das Synagogen- und Religionsunterrichtswesen der Juden in Preußen betreffend" vorzulegen (s. Freund's Monatsschrift 1844. S. 137—148.), welcher von der engherzigsten Gesinnung lautes Zeugniß gebend, einen Schrei des Unwillens unter allen gebildeten Juden hervorrief. Jene glücklicherweise erfolglosen Bestrebungen seiner Vorgänger nimmt der gegenwärtige provisorische Vorstand durch sein monströses Projekt wieder auf, das — wie angelegentlich man es auch verhülle, nur dahin geht, die freie Entwickelung im Judenthum durch Begründung einer auf die Anerkennung der Regierung sich stützenden jüdischen Zentralbehörde zu hemmen und zu beschranken. Wenn Jene aber in einer Zeit, wo die Freiheit aller Kirchen noch in Fesseln lag, noch einige Nachsicht verdienen, daß sie — wie einst ihre Vorfahren zu Samuel — sprechen: „Gieb uns einen König, damit wir seien gleich allen Völkern rings um uns her", so trifft das Bestreben des gegenwärtigen Vorstandes, der der verfassungsmäßig garantirten Religionsfreiheit aller Kirchen gegenüber, die der jüdischen Gemeinden in hierarchische Fesseln zu schlagen trachtet, mit Recht die tiefste Indignation aller Freunde der Gewissensfreiheit. Ja, die von diesem Vorstande an alle Gemeinden des Landes unter Beifügung einer weitläufigen Denkschrift gerichtete Aufforderung das beabsichtigte Weck fördern zu helfen und sich durch sofortige Wahl von Vertrauensmännern daran zu betheiligen, würde in Wahrheit eine Schmach für die berliner Gemeinde sein, wenn der zeitige Vorstand in der von ihm eingeschlagenen Richtung mehr als einen sehr geringen Bruchtheil derselben verträte; und wir sind der festen Zuversicht, daß dieser Antrag von dem klaren und unbefangenen Sinn der jüdischen Gemeinden und ihrerVorstände überall mit gerechtem Unwillen werde zurückgewiesen werden." Dies ist es, was die Gegner zu sagen haben, und was allerdings unter anderen Umständen von großem Gewicht wäxe, so aber nur dadurch einigen Schein erhält, daß es die obwaltenden Verhältnisse völlig verschiebt. Daß von einer Zentralbehörde durchaus nicht die Rede sein kann, haben wir in unserm Art. in No. 15 schon vorausgesetzt. Nun aber liegt die Sache ganz anders. Die Zeiten sind anders geworden, und somit müssen auch die Ziele und zu deren Erreichung die Mittel andere werden. Wenn in einem absoluten Staate, wenn einer bestimmten, orthodoxen Richtung der Staatsregierung gegenüber eine jüdische Zentralbehörde zu schaffen, das Gefährlichste gewesen wäre, weil dadurch leicht ein Kirchenzwang in unsre Gtaubensgenoffenschaft hineinkommen konnte, den man zwar von außen her sattsam gegen uns ausübte, aber dessen wir im Innern freudig entbehrten — sc» ist es ein Anderes im Staate, dessen Verfassung Religionsfreiheit verbürgt, so ist es ein Anderes, der vollen Anarchie, der Auslösung, der widerwärtigsten Zersetzung in den Gemeinden gegenüber, einen freien Vereinigungspunkt zu schaffen, der nach allen Seiten hin vermittelnd, rathend, unterstützend wirke, und dessen Glieder von den Gemeinden frei gewählt sind. Wer da von „hierarchischen Fesseln" spricht, der will mit Stichworten der Zeit halbhelle Geister schrecken. Nein! Jeder, dessen religiöse Anschauung und Ueberzeugung noch im Judenthume wurzelt, Jeder, der noch nicht der Religion ganz abgestorben, und entweder die Achseln zuckend davon geht, und fragt: „was thut man damit?" oder gar die Religion bekämpfen will — jeder Solcher muß sich sagen, daß der jetzige Zustand ein unleidlicher ist, daß Etwas geschehen müsse, um gemeinsam der Zerstörung entgegenzutreten, gemeinfam,aber ohne Zwang, für den uns ja auch keine Mittel zu Gebote stehen. Wie? haben nicht alle Religionsparteien, die der Staat ebenfalls sich selbst überläßt, und die' alle staatliche Einmischung am Energischesten von sich weisen, die Deutschkatholiken und freien Gemeinden Aehnliches gethan? Haben sie nicht Zusammenkünfte gehalten, gewisse Sätze für Alle ausgestellt, Vororte sich gesetzt rc.? Und was anders thun wir, wenn wir uns eine Zentralstelle schaffen? Hat man da gleich über „hierarchische Fesseln" u. dgt. geschrieen? Hat man da gleich vorausgesetzt, man will wieder binden, knechten, zwingen? Doch nein! das Uebergreifende, das Zeterschreien, das Uebectreibende, Gallichte sind wir ja als heimisch unter uns lange gewohnt. Mag also dergleichen nicht vom rechten Wege irre machen. Die Freiheit besteht niemals in der Auflösung, das Schaffen niemals in der Verneinung. Für gemein-

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