Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1850)
- Date
- 1850-04-15
- Page
- Seite 213 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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213 — An die Anschlußfrage knüpft sich eine Sage, welche die hiesige Gemeinde gewiß zur Verwirklichung bringen wird. Vor einiger Zeit trug man sich hier mit dem Gerüchte herum, daß der Name Judenstadt aushören, und dieser Stadttheil für die Folge Franz- Josephftadt heißen wird. Ich glaube, daß es nicht unterlassen werden wird, Se. Majestät anzugehen, daß er geruhen möge zu erlauben, daß zur Erinnerung an die durch ihn geschehene Einsetzung der Israeliten Oesterreichs in die ihnen gebührenden Menschenrechte dieser Stadttheil für die Zukunft seinen Namen führe. Wir glauben, daß der Kaiser dieser auf Dankbarkeit basirten Bitte willfahren, und jeder Israelit Oesterreichs sie gut heißen wird! — Ueber unser Gemeindeleben ersparen wir uns einen Bericht bis zur Neugestaltung desselben nach dem geschehenen Anschluß, im Vorhinein kann aber bemerkt werden, daß wir einer schönen Zukunft entgegengehen; auch zur Einführung der Kultusgemeinde wird gewissermaßen vorgearbeitet, wir glauben wenigstens darin eine Andeutung zu finden, daß in der Meiselsynagoge der alte Singsang abgeschafft und durch einen regulirten Chorgesang ersetzt wird, wovon in den ersten Peßachtagen Proben abgelegt wurden. — Schließlich noch die Bemerkung, daß einer der letzten Artikel von Prag in d. Bl. nicht ohne Wirkung geblieben zu sein scheint. Jüngst starb im hiesigen Garnisonsspitale der jüdische Unterarzt Herr Liebling. Seine Leiche wurde mit allen ihr gebührenden militärischen Ehrenbezeugungen zur Erde bestattet, Militärmusik und ein Zug Jäger gingen vor dem Leichenwagen, und außer dem Stabsärzte, Regimentsarzte, vielen Ober- und Unterärzten, denen sich auch viele Offiziere anschlossen, gingen in erster Reihe hinter der Leiche außer dem dazu aufgeforderten Prediger Herrn vr. Kämpf, welcher im Ornate erschien, auch die Oberjuristen die Herren Rapoport und Freund und zwar unaufgefordert bis zum Stabtthore. Es ist freilich traurig, daß es erst einer solchen ernsten Rüge bedurfte, indeß wurde der bittersüße Ernst verschmerzt, und wir glauben, daß es für keine Gelegenheit mehr einer zweiten Rüge benöthigen wird. Frankreich. Paris, 3. April. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung ist ein höchst erfreuliches Ereigniß vor sich gegangen, der als ein glänzender Rückschlag der jüngsten retrograden Vorgänge bezüglich der Gleichheit der Kulte angesehen werden kann. Die Budgetkommission hat bekanntlich überall Reduktionen vorgenommen, und das Ausgabebudget ungemein verkürzt. Cremieux trug nun heute auf eine Gehaltserhöhung für die israelitischen Geistlichen an, deren Manche nur 400, 500 und 600 Frs. jährlich haben. Die Versammlung genehmigt den Antrag, trotz der Opposition Berryer's, der im Namen der Budgetkommission geltend macht, daß auch bei den übrigen Kulten, so wie überhaupt im ganzen Budget, die größte Sparsamkeit zur Regel gedient habe, und obgleich die Kosten für den israelitischen Kultus (128,500 Frs.) dadurch auf 160,000 Frs., also verhältnißmäßig sehr bedeutend erhöht werden. (Bekanntlich hatte schon die Regierung Ludwig Philipps 1847 diese Erhöhung beantragt, war aber von der Deputirtenkammer abgewiesen worden.) Rußland. Petersburg, 28. März. Die hebräischen Handwerker im Gouvernement Kurland, welche bisher nur berechtigt waren, ihre eigenen Kinder in ihrem Handwerk zu unterrichten, dürfen von jetzt an auch die Kinder anderer Hebräer zu Lehrlingen annehmen. Moldau und Wallachei. Aus der Moldau, 20. März. (Privatmitth.) Schade! Jammerschade! dachte ich, als ich den verstossenen Jahrgang Ihrer geehrten Zeitschrift mehrmals durchlas, ohne aus die mindeste Notiz über unsere Zustände zu stoßen, es gebe doch Etwas zu referiren, sowol über unsere geistige Entwickelung, die doch schon würdig sei, daß unsere Glaubensbrüder in den fernen Gauen Europa's ihr einen Blick schenken mögen, als auch hinsichtlich unserer politischen Lage, die nicht zu beneiden ist. Doch aber ist es Thatsache, weshalb ich mich entschloß, künftighin die Lücke in Ihrem gegeschätzten Blatte — freilich mit Ihrer Erlaubniß — auszusüllen. Leider aber muß ich das Stadium meiner Korrespondenz mit einer Nachricht beginnen, die man nicht rosenfarbig nennen kann. Wie es wol bekannt ist, haben die beiden Kabinete von Petersburg und Konstantinopel mehrere Bestim-