Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1850)
- Date
- 1850-04-08
- Page
- Seite 198 (sequence 2)
- Language
- German
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198 Und so befürchten wir denn, daß der Aufruf des jetzigen berliner Vorstandes — zu spat sein wird. Jetzt, wo eine große Zahl von Gemeinden in sich zerrissen, aufgelöst ist, wo eine andere große Zahl so in Lethargie versunken, so indolent ist, daß sie den Arm kaum in die Höhe heben, um nur eine Antwort zu schreiben, jetzt, fürchten wir, ist es zu spat. Doch eine leidige Befürchtung nützt Nichts, und eine Solche auszusprechen, lohnt nicht der Mühe. Daher unsre Meinung. Unsre Meinung ist, daß, wenn auch der berliner Aufruf Mehreres enthält, was uns nicht recht scheint, doch der Hauptgedanke gut ist, wenn das, was wünschenswerth ist, ohne faktisch realisirbar zu scheinen, gut genannt werden muß. Zuerst was uns nicht recht und angemessen scheint, ist, daß der Aufruf von einer „jüdischen Zentralbehörde" spricht. Hatte man gesagt eine „Zentralstelle", (wie man z. B. in Württemberg eine gewerbliche Zentralstelle hat, die der Regierung Gutachten giebt, und an welche die Gewerbtreibenden ihre Beschwerden und Gesuche richten,) so würde es richtiger sein, aber eine Behörde in religiösen Dingen will Niemand mehr haben, denn eine Behörde ist mit entscheidender Kraft ausgerüstet, und diese läßt sich in religiösen Angelegenheiten Niemand mehr gefallen. Es kann also nur die Rede davon sein, eine Zentralstelle zu schaffen, welche der Regierung gegenüber die jüdischen Gemeinden vertritt, den jüdischen Gemeinden selbst einen Mittelpunkt darbietet, von dem aus sie in Rath und That Unterstützung erhalten, die aber eben nur mit freier Autoriat, weder mit legislativer, noch administrativer Kraft versehen ist. Wir fürchten, daß der Aufruf durch die Wahl des Wortes „Zentralbehörde" Gegnern schon eine Waffe in die Hand gegeben hat. Ferner ist in den vier Artikeln, die zur praktischen Ausführung zum Schluffe angefügt sind, Manches unpraktisch. Wenn z. B. Art. 2 sagt, daß Vertrauensmänner an fünf Punkten (Pommern und Sachsen sind ganz vergessen) zusammentreten sollen, um das Statut zu berarhen — dann setzen die Herren einen Eifer voraus, den sie schwerlich treffen werden, und in dem Berlin zu wenig vorangegangen ist, als daß Berlin gerade ihn fordern darf. Fertigt ein gutes Statut aus; (wollt Ihr ein Mehreres thun, so ladet aus den Hauptgemeinden einige hervorragende Männer zur Anfertigung des Statuts ein;) und das so gefertigte Statut schickt den Gemeinden zur Annahme zu, mit der Bitte, wenn sie einzelne Bemerkungen zu machen hätten, diese mirzuscnden, um das Beste zur definitiven Feststellung zu benutzen. So könnte man zum Ziele kommen, wenn die Gemeinden bereitwillig sind. Kommen wir nun zur eigentlichen Sache, so können wir nur unsre ganze Uebereinstimmung damit aussprechen. Daß Etwas geschehen muffe, daß ein freier Mittelpunkt für das Judenthum geschaffen werden müsse, solle es den Weg der Zersplitterung, wenn nicht der Auflösung immer weiter gehen, wer steht es nicht ein. Da wir die Schlaffheit der jüdischen Gemeinden kennen, so wollten wir es von einer andern Seite, mit den Radbinen versuchen. Allein die Trägheit ist da noch größer, denn außer den zwei Herren, Jadessohn und Landsberger, hat kein Einziger sich dafür erklärt. Nun, die Zeit wicd so ganz über sie hinwegschreiten, und Nichts von ihnen übrig lassen. Es ist daher sehr erwünscht, daß der berliner Vorstand sich nunmehr an die Vorstande richtet. Wir wollen sehen, ob hier ein Erfolg erwirkt wird. Wo nicht, so ist wenigstens Alles geschehen, was geschehen konnte, und das ist immer eine große Beruhigung. Mögen daher die jüdischen Gemeinden Preußens die dargebotene Gelegenheit nicht von sich weisen! Wir fordern alle die Gemeinden, welche nur. einigen Werth unserer Meinung beilegen, auf, sich der Sache anzuschließen. Da es nur eine vorläufige Erklärung gilt, und ein Bindendes erst durch das Statut käme, so hat ja die Sache um so weniger Bedenken. Schießen nur erst einige Strahlen an den Mittelpunkt an, so kräftigt sich die ^ache bald. Die Kämpfe der Menschheit und der Religion. Zwei Peßachpredigten. Zum ersten Tage. Herr! Es sind alte Erinnerungen, und die feiern wir, denn ihr Inhalt ist immer neu, es sind uralte Geschehnisse, und die feiern wir, denn ihr Eingang und Ausgang wiederholet sich zu aller Zeit, es sind alte Zwecke, und die erfüllen wir, dieweil ihr Endzweck noch immer unerreichet ist. Wer sich der Vergangenheit entziehet, fürwahr! der entziehet sich auch der Gegenwart, denn wir sind von gestern und ehegestern — aber wie wir