Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1850)
- Date
- 1850-03-25
- Page
- Seite 171 (sequence 7)
- Language
- German
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171 nur im Geringsten der Schulen angenommen! Im Gegentheil! Wiele haben sich jeder Bestrebung eines zeitgemäßen Fortschrittes schnurstracks entgegengesetzt, und nicht selten den Fanatismus der Alten als Waffe gegen die Jüngeren gebraucht. Denn in vielen Gemeinden hiesiger Provinz haben sich, nachdem man auf zeitgemäße Schritte von Seiten der Rabbinen umsonst gehofft, neue Gemeinden gebildet und haben besonders gottesdienstliche Einrichtungen getroffen, um ihren religiösen Bedürfnissen zu genügen. Nun erwächst den Rabbinen nicht einmal ein materieller Schaden aus derartigen Einrichtungen, da die neuen Gemeinden größtentheils noch Pietät genug besitzen, um zur Erhaltung des einmal aufgenommcncn Rabbi fortlaufend beizusteuern und dennoch erregen dieselben die heftigste Opposition gegen jede derartige Bestrebung. Man wird uns nun freilich einwenden, daß es eben in ihren Ansichten und in ihrer religiösen Auffassungsweise liege, gegen jede Einrichtung im Geiste des vernünftigen Fortschrittes und der zeitgemäßen Reform zu kämpfen, daß eine jede Neuerung ihnen als ein Abfall von ihrem Systeme erscheinen muß, daß also eine Opposition gerechtfertigt sei. Allein dies zugegeben! Was thun diese Herren denn sonst noch außer dieser matten, Nichts fruchtenden Opposition zur Erhaltung ihres Glaubens und ihrer Ueberzeugung? Wenn die starre Orthodoxie ihnen als die allein wahre Auffassung der mosaischen Lehre erscheint, so müßten sie, wenn sie anders auch nur die geringste Kenntniß vom Amte eines Geistliche» haben, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dem Abfalle von diesem Systeme entgegenarbeiten. Benutzen sie die Kanzel, um von dieser heiligen Stätte herab die Gemeinden in ihrem Sinne zu belehren oder durch Ueberzeugung zu gewinnen? Besuchen sie die Schulen, sammeln sie Jünglinge als Jünger um sich? Nichts von alledem! Sie glauben vollkommen genug gethan zu haben, wenn sie zwei-, dreimal jährlich von den Kanzeln die Donner ihres Zornes schleudern auf die Häupter der lebensfrohen Jugend, die sich in die verrosteten Fesseln nicht mehr zu schmiegen vermag! Sie glauben genug gethan zu haben, wenn sie die zitternden Eltern für die Aweires ihrer Kinder verantwortlich machen und dieselben durch Androhung des göttlichen Zornes in Tod, Krankheit, Armuth u. s. w. zu Thränen rühren, ohne auch nur zu bedenken, welche tief«Kluft sie hierdurch zwischen Eltern und Kindern errichten! Was ist nun hieraus zu schließen? Entweder haben die Herren Rabbiner hiesiger Provinz noch niemals angefangen das Amt eines geistlichen Hirten zu verstehen (und das ist traurig), oder sie fühlen nur zu gut die Schwäche der von ihnen vertretenen Richtung (und dann wäre es unverantwortlich, daraus mit aller Macht zu beharren!). Oder noch ein Drittes! Sie glauben vielleicht an die ewige Dauer und den endlich trotz aller Stürme zu erfvlgenden Sieg ihrer Sache, selbst wenn die Träger desselben Nichts thäten, als eine Opposition gegen jede Neuerung; dann freilich hätten sie recht „geduldig und gelassen zu sein in böser Zeit", wie der Psalmist sagt, und zu harren bis dann eines schönen Morgens alle Reformgemeinden sich auflösen, und vereint mit den Indifferenten und völlig abgegcfallenen um die Lehrstühle der Talmudisten sich versammeln und reuig ihrer frühem Ueberzeugung abschwören werden' Aber dann stößt sich uns die ganz bescheidene Frage auf: Wozu denn eigentlich die Herren Rabbiner angestellt wären, wenn die Sache des Judenthums sich selbst zum Ziele führen wird? Abgesehen von dieser Opposition, sind die Herren Rabbiner hiesiger Provinz nicht allein den Gemeindebedürfnissen der Gegenwart, sondern auch ihrer eigenen Richtung gegenüber als indifferent zu betrachten, und sie mögen dann, geehrter Herr Doktor, sich in ihren Bestrebungen für Israels Heil nicht irre machen lassen, wenn sie hierorts Seiten der Rabbinen weniger Unterstützung finden, als zu erwarten Sie berechtigt waren. Die Gründe hievon lassen sich zusammenfaffen darin, daß die Rabbinen hiesiger Provinz nicht in dem leb endigen Bedürfnisse des Volks in der Gegenwart fußen, daß sie in und für eine Vergangenheit leben,während dieGegenwart mit so entschiedenen Forderungen herantritt, daß sie in hierarchischem Dünkel fvrtleben, während man eines freien Verkehrs zwischen Seelsorger und Gemeinde bedürftig geworden ist und daß sie Chelat und Zobel für unerschütterlicher halten, als die Tiara und den Stuhl des heiligen Vaters! Möge das aber, wie gesagt, Niemanden irre machen in heilsamen Bestrebungen für Israel! Je we-