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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-03-25 · Heft 13 (25.3.1850) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 13 (25.3.1850)
Date
1850-03-25
Page
Seite 170 (sequence 6)
Language
German
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170 gerüste des Alterthums nagen, ohne zum Geiste vorzudringen, auf der andern soll ihr, und besonders im Privatunterricht, belletristisch verdünnt, alles Schöne rasch beigebracht werden. Eine tüchtige Geschichtskenntniß, ein gewandter Ausdruck in der Muttersprache, ein klares Denken muß in den Hintergrund treten. Welche Stellung kann in einer solchen Erziehung der Religionsunterricht cinnehmen? Die Verehrung des Alterthums beschränkt sich auf die lateinische und griechische Spracht, und sie verschließt der hebräischen den Eintritt; die Aeußerlichkcit erkennt in dem religiösen Ernste ihren Feind. So läßt man denn den Religionsunterricht ertheilen, nicht als einen Gegenstand der Weihe für's Leben, als die nothwendige höchste Erkenntniß für Geist und Herz, sondern das Kind soll auch darin nickt zurückstehen, die Eltern wollen auch da das Ihrige gethan haben. Aber die Ehrfurcht, welche aus dem Hause zum Unterrichte mitgebracht werden muß, sie fehlt, und damit der gesunde Boden, der zu bearbeiten ist; ja statt der Ehrfurcht bringt das Kind für das Eine und das Andere mehr Unlust mit. Das Hebräische, das weder bei den Gelehrten im Allgemeinen noch in den Gesellschaften kurrente Scheidemünze ist, obgleich es als wahre Sprache der Frömmigkeit seinen gediegenen Goldgehalt nicht eingebüßt hat, gilt nun einmal nicht, und wozu nützt's? fragt der Knabe, eine Frage, die er im Grunde dem Vater vom Gesichte abliest, wenn dieser auch als strenger Verehrer des ganzen, ungeänderten hebräischen Gottesdienstes sich gerirt. Und trifft es sich gar, daß eine Kollision eintritt, daß ein Privatunterricht z. B. im Englischen oder in der Musik gerade zu derselben Zeit gelegen ist, in welcher die Anstalt ihre Religionsstunden ertheilt, so fällt selten der Urtheilsspruch der Eltern zu Gunsten der Religion aus, der problematische Nutzen oder die Sucht mit dem Kind zu glänzen erringt den Sieg. Natürlich muß eine solche Stimmung auch schon in der religiösen Empfindung der Jugend sich zeigen. Mt tiefem Bedauern spreche ich es aus: Ich finde Fähigkeiten, auch im Allgemeinen Fleiß wie früher, aber die Freudigkeit und die Weihe, die Innigkeit und der heilige Herzensdrang, die uns früher bei den reiferen Zöglingen so oft beglückten, werden seltner. Aber es muß auch diese Zeit der Prüfung überwunden werden; es wird das Geschlecht der Gegenwart doch endlich inne werden: daß ohne Demuth keine Kraft, ohne Bewußtsein seiner Endlichkeit keine Freiheit, ohne heiligende Verbindung mit Gott keine Sittlichkeit, ohne Glauben und Gottesfurcht keine Liebe, ohne Selbstbeherrschung und Kraft zür Entsagung keine Lebensfreudigkeit, ohne Bewußtsein des höhern wie des eigenen ewigen Geistes keine Menschenwürde." Aus dem Großherzogthum Posen, Monat März. sPrivatmitth.) Der Aufruf an die Rabbinen Preußens in No. 8 dieses geschätzten Blattes hat uns veranlaßt, einen prüfenden Blick auf die geistlichen Hirten unserer Provinz zu werfen. Das Ergebniß war leider! kein erfreuliches , und wir können uns nicht der frohen Hoffnung hingeben, daß Ihre eifrigen Bestrebungen hier kräftige Unterstützung finden werden. Sie sprechen in Ihrem Aufrufe von Forderungen der Gegenwart, von einer „endgiltig festgestellten Verfassung", von cinnm „nahen Frühlinge", von einer „Stellung des Judenthums, den Staatsbehörden gegenüber" u. s. w. und dies Alles sind den Herren noch terra incognits. Die neue Zeit ist völlig spurlos an ihnen vorübergegangen. Mit wenigen rühmlichen Ausnahmen wissen die Herren noch gar nicht, daß ein Umschwung der Verhältnisse stattgefunden und sie beklagen sich höchstens darüber, daß in der gegenwärtigen Zeit weniger Schales gefragt, und die Einkünfte etwas geringer geworden sind als früher. Sie beharren fort und fort in aller Zurückgezogenheit vom politischen Leben und halten es der Mühe nicht werth, auf die Zeitenuhr zu blicken, um inne zu werden, was es geschlagen habe. Sie verbarrikadiren sich nach wie vor hinter ihren Seforim, und scheinen sich sicherer hinter denselben zu fühlen, als Könige auf ihren Thronen. Und die Gemeinden stehen außerhalb und harren auf geistige Nahrung und verlangen lebendige Worte des Glaubens, des Trostes, der Erbauung und Stärkung! Und die Gemeinden harren der religiösen Erziehung ihrer Jugend durch den Rabbi! Allein umsonst! Keiner dieser Herren hat bis jetzt auch nur den geringsten Schritt den sehnsüchtigen Wünschen der Gemeinden gegenüber gethan, Keiner hat versucht irgend ein Gemcindeinstitut neu und zeitgemäß zu gestalten, Keiner hat die fort und fort geringer werdende Theilnahme am Gottesdienste durch zeitgemäße Reorganisation desselben zu verhindern gesucht, Keiner hat eine Anstalt getroffen, die Indifferenten aus ihrer Lethargie zu wecken, Keiner hat sich

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